ZDF, Sonntag, 5. November, 21.25 Uhr: "Besuch", ein Film von Cordula Trantow

Ein schickes Büro- und Geschäftsviertel am Wochenende, menschenleer. So kalt und glatt wie die Glas- und Plastikfassaden, so säuberlich und arm wie die ausgefliesten Winkel zirpt eine Musik. Eine Musik, die man nicht hören würde im Großstadtlärm, webt ihr Netz an einer Fassade empor, schlüpft hinter eine Scheibe, in einen Innenraum, in die gestylten Wohnräume einer erfolgreichen Galeristin. Die Musik nimmt die Außenwelt mit hinein, in die Küche, wo die Galeristin sieben extravagante Gänge vorbereitet, wo sie in gewohnter Hektik einen besonders angenehmen Abend herbeizufuhren sucht. Sie strengt sich an, produziert Köstlichkeiten, drapiert sich selbst als die allerköstlichste von ihnen und weiß doch – wir sehen’s an ihrer Überspanntheit –, daß sie nur vor der Stille davonrennt, vor diesem leisen Zirpen, das von draußen kommt.

Sie hat ein innenarchitektonisches Gefühl, sie lebt im Innenraum, die Einöde da draußen ist hinter den Gardinen. Doch als alle Vorbereitungen getroffen sind und der erwartete Mann nicht gleich zur Stelle ist, da muß sie tun, was ihr am schwersten fällt, sie muß warten. Und während sie wartet, holen sie die Schrecken des achtzehnten Stockwerkes ein.

Da ist dieses Männlein im Halbschatten bei den Tiefgaragen, das zu ihr hinaufzublicken scheint. Da ist der indirekt beleuchtete Flur, auf dem sie nur leere Büros zu Nachbarn hat. Da ist der Fahrstuhl, der seine Fracht erst zu erkennen gibt, wenn es zur Flucht zu spät ist. Der Fahrstuhl, auf den sich all ihre Erwartungen und Ängste konzentriert haben.

Jemand kommt. Es ist ihre "Zwillingsschwester", ihr Alter ego, das sich in die Wartezeit drängt. Judy Winter spielt die Doppelrolle der Karrierefrau und der Gescheiterten, die da mit einem Köfferchen, mit Rattenschwänzen und dem Teddy im Hosenlatz vor ihr steht: "Freust du dich denn gar kein bißchen?"

Cordula Trantow hat eine Geschichte inszeniert, die auf den ersten Blick wie ein Psychothriller aussieht: Die faule Schwester macht der erfolgreichen ein schlechtes Gewissen, sie geht damit so weit, daß sie ihr den teuflischen Plan ihres Selbstmordes unterbreitet, der die Karrierefrau als Mörderin erscheinen lassen wird.

Der Film ist gut, wo er das Grauen aus schlichten Alltagsdingen hervorgehen läßt, einem Balkon vor einer Fensterfront, einem im Spülkasten versenkten Schlüsselbund, einer liegengelassenen Videokamera, die plötzlich zwei schwarze Schuhe im Blick hat. Doch insgesamt überwiegt der Dialog der Schwestern, der ja eigentlich ein innerer Monolog ist, überwiegt die Selbstquälerei der Frau, die nur die Alternative der Verzweiflung hat: Entweder arbeitet sie nur, oder sie arbeitet nie. Entweder sie denkt nur noch an sich, oder sie gibt sich auf.

In Erwartung des Mannes, in der Stunde der Wahrheit, muß eine die andere aus der Welt schaffen, muß der Zwiespalt entschieden werden. Der Thriller verwirrt sich zunehmend, wenn auch die Psychologie einleuchtend bleibt: Nachdem die Karrierefrau ihr Alter ego gemordet hat, wird sie ihm immer ähnlicher. Sie brauchte es als Gegenpol, um zu sein, wer sie ist, der Zwiespalt gehörte zu ihrem Leben, sie hat ihn nicht ausgehalten. Der Mann kommt, der schreckliche, der begierige, der das Selbstopfer provozierte und nun statt einer stolzen Frau ein Häufchen Unglück findet. Martin Ahrends