Von Willy Brandt

Daß am Ende dieser Entwicklungsdekade mehr Menschen in absoluter Armut leben als zu Beginn der achtziger Jahre, ist eine deprimierende Tatsache. Viele werden mit mir meinen, es sei schlechterdings ein Skandal, daß gegenwärtig weit über 800 Millionen, vermutlich sogar eine Milliarde Menschen unterhalb der Armutsgrenze vegetieren. Menschenunwürdig sind die Verhältnisse in unzähligen Dörfern und den ausufernden Slums der Großstädte – auf allen Entwicklungskontinenten.

In allzuvielen Ländern Afrikas ist Entwicklung eher Wunsch denn Wirklichkeit. Rückschritte und mehr Elend finden wir auch im hochverschuldeten Lateinamerika. Und in weiten Teilen Asiens, wo in diesem Jahrzehnt durchaus beachtliche Entwicklungsfortschritte erzielt wurden, herrscht weiterhin unbeschreibliche Massenarmut.

Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern ist in den achtziger Jahren größer statt kleiner geworden. Und alle Prognosen lassen erahnen, daß das Entwicklungsgefälle noch steiler wird. Diese negative Utopie durch weitsichtige und umfängliche Entwicklungsarbeit auszuschließen, liegt nicht zuletzt auch in unserem wohlverstandenen Eigeninteresse. Oder wollen wir warten, bis – früher oder später – die Wohlstandsinseln Europas durch Wanderungswellen und Umweltkatastrophen weggespült werden?

Aus den insoweit verlorenen achtziger Jahren gilt es Lehren zu ziehen, damit eine erfolgversprechende multilaterale Zusammenarbeit möglich wird. (Selbstverständlich kann ich mich hier nicht umfassend äußern. Und ebenso selbstverständlich sind all jene von Kritik ausgeschlossen, die sich in internationalen und staatlichen, auch in privaten Organisationen für verbesserte Nord-Süd-Verhältnisse engagierten – und dies weiterhin tun).

Es lohnt im übrigen, unseren Sprachgebrauch zu überprüfen: Aus Gründen der Vereinfachung sagen wir „Dritte Welt“ oder „Süden“, wenn wir über Entwicklungsländer reden. Dabei sollte uns jedoch bewußt sein, daß die Klischees des Südens oder der Dritten Welt durch die rasche Differenzierung dieser Jahrzehnte weiter an Aussagekraft verloren haben. So sind Exportwunderländer in Südostasien mittlerweile auf der Schwelle zu Industriestaaten – mit Ambitionen auf eine Mitgliedschaft in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dem Club der westlichen Industrieländer. Am anderen Extrem sind die Armutsgürtel der „Vierten Welt“ breiter geworden. Und innerhalb der großen Länder, wie der Volksrepublik China und Indien oder Mexiko und Brasilien, sind die Entwicklungsunterschiede zwischen dynamischen Industriepolen und bitterarmen, nicht nur ländlichen Räumen unübersehbar. Jene Differenzierung ist einerseits Ausdruck abgestufter Entwicklungschancen, andererseits aber auch fehlender nationaler und internationaler Ausgleichsmechanismen.

Kein Zweifel, die Dritte Welt verfügt nicht über ausreichende Verhandlungsmacht, um Konzessionen zu erzwingen. Mit verbalem Maximalismus war selbst zu Zeiten vermeintlicher Dritte-Welt-Einheit kaum etwas zu erreichen, zumal schon in den siebziger Jahren die Interessengegensätze etwa zwischen neureichen Erdölländern und bettelarmen afrikanischen Staaten offenkundig waren.