Von Andreas Kilb

Über den Unterschied zwischen europäischen und amerikanischen Filmen gibt es eine hübsche Anekdote. Samuel Fuller hat sie einmal erzählt. Ein europäischer Film, sagte er, beginne zum Beispiel damit, daß man eine Wolke sehe, die über den Himmel zieht, minutenlang. Dann wieder eine Wolke, großer, schöner und majestätischer noch als die erste. Dann ganz viele Wolken, bunt und strahlend schön. Und zuletzt ein Flugzeug, das durch die Wolken fliegt und langsam aus dem Bild verschwindet.

In einem amerikanischen Film, besagt die Anekdote, sehe man zuerst das Flugzeug. Dann gebe es eine Explosion, einen Feuerball, das Flugzeug werde in tausend Stücke gerissen, und die Geschichte könne beginnen.

Wenn diese Anekdote stimmte, dann wäre „Sex, Lügen und Video“ ein europäischer Film. Weil sie aber nicht wahr ist, müssen wir noch einmal von vorn anfangen.

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Freitag mittag in Baton Rouge, Louisiana, einer Kleinstadt im amerikanischen Süden, die man nicht gesehen haben muß, um sich vorstellen zu können, wie sie aussieht. Ann sitzt beim Psychiater, John sitzt in seinem Büro, Cynthia sitzt zu Hause und wartet. Ann erzählt ihrem Therapeuten, sie habe schon.seit langem nicht mit ihrem Ehemann John geschlafen, aber das sei nicht so wichtig, viel wichtiger sei, was mit all dem Müll auf der Welt geschehe, mit den Abfallbergen, die wir tagtäglich produzierten, und mit den hungernden Kindern in Äthiopien. Vom Sex habe sie sowieso nie sehr viel gehalten, darauf komme es nicht an, „und als ich das letzte Mal richtig glücklich war, wurde ich so fett, ich nahm fünfundzwanzig Pfund zu ... John traf beinahe der Schlag.“ Außerdem mache sie sich Sorgen um das Wochenende, denn John habe einen alten Schulfreund in ihr Haus eingeladen, ohne sie zu fragen ... Wolken, Wolken.

Währenddessen telephoniert John mit Cynthia, einen Moment später steht er vor ihrer Tür, nach einem kurzen Vorspiel landen die beiden im Bett, und inzwischen haben wir auch erfahren, daß Cynthia Anns Schwester ist. Bei nächster Gelegenheit, sagt Cynthia, möchte sie es mit John in Anns Ehebett treiben, das gebe ihr einen perverse thrill, einen unübersetzbaren Schauder, aber da ist das Rendezvous auch schon vorbei, John kehrt in sein Anwaltsbüro zurück, und Ann, im Zwischenschnitt, quasselt weiter mit ihrem Psychiater.