Die um acht Monate vorgezogenen Parlamentswahlen endeten als dramatische Zitterpartie: Erst vier Stunden nach Mitternacht stand am frühen Montag morgen endgültig fest, daß Felipe Gonzalez und die regierende Sozialistische Arbeiterpartei das Wahlziel erreicht und zum dritten Mal seit 1982 die absolute Parlamentsmehrheit gewonnen hatten.

Gewiß kann González, der sich auf die Disziplin seiner Partei noch stets verlassen durfte, auch mit dem hauchdünnen Vorsprung von nur einem Mandat bis 1993 regieren. Sein Nimbus als nahezu unbestrittener Regierungs- und Parteiführer ist jedoch erschüttert, weil der Verlust von acht Mandaten oder 800 000 Wählerstimmen mehr als nur ein Denkzettel traditioneller Stammwähler ist. In den verarmten Industriegürteln von Madrid, Barcelona und Cádiz, aber auch in den industriellen Randzonen Asturiens und des Baskenlandes legte die Izquierda Unida um den ehemaligen Bürgermeister von Cárdoba, Julio Anguita, erheblich zu. Mit einem Zugewinn von zehn Parlamentssitzen wurde dieses Linksbündnis aus Kommunisten und Sozialisten zum Auffangbecken von enttäuschten Wählern, die den neoliberalen, allzu arbeitgeberfreundlichen Kurs der Regierung kritisieren und gemeinsam mit den unzufriedenen Gewerkschaften UGT und Comisiones Obreras soziale Gerechtigkeit einklagen. Die Vereinigte Linke gewann dort, wo die Sozialistische Arbeiterpartei verlor.

Die hauchdünne absolute Mehrheit für die Sozialisten und die Gewinne der kommunistischen Linken signalisieren ebenso einen Ruck nach links wie die Stagnation der bürgerlichen Oppositionsparteien. Die konservative Partido Populär um den 36jährigen Nachwuchspolitiker José Maria Aznar konnte sich nur auf Kosten des liberalen Demokratischen Zentrums behaupten und bleibt mit 106 Sitzen zweitstärkste Fraktion. Die Partei um den Ex-Premier Suárez verlor fünf Mandate. Ihre Hoffnung, als Partei der Mitte (künftig) die Rolle eines Mehrheitsbeschaffers spielen zu können, scheiterte erneut. Die Regionalparteien teilten das Schicksal der Suárez-Truppe.

Das Votum von acht Millionen Wählern für González und seine erfolgsverwöhnte Regierungspartei stellt zunächst eine Entscheidung für politische Stabilität und jenen Fortschritt dar, der als Vorbereitung für den Eintritt Spaniens in den Europäischen Binnenmarkt 1992 nötig ist. Der Ruf nach sozialen Korrekturen und einem Einlenken im Konflikt mit den Gewerkschaften aber ist als zweite Aufforderung aus diesem Ergebnis herauszulesen. „Das Wachstum sichern und den Reichtum besser verteilen“, meinte Vizepremier Guerra mit Blick auf eine heikle Amtszeit.

Denn schwierige Entscheidungen stehen an. Zur Bekämpfung von Inflation, Arbeitslosigkeit und Spaniens fast chronischem Handelsbilanzdefizit soll schon in Kürze ein Sparprogramm aufgelegt werden, das der Mehrheit der konsumfreudigen Spanier mit drastischen Steuererhöhungen und teuren Krediten bitter schmecken wird. V. M.