Von Irene Mayer-List

Die Sultane von Oman und Sansibar waren einst mächtige Fürsten. Entlang der ostafrikanischen Küste kontrollierte ihr Volk den einträglichen Handel mit Sklaven, Elfenbein und Gewürzen. Die Sultane selbst führten, umgeben von ihren Haremsdamen, ein beschauliches Leben in ihren Palästen in Maskat am Golf und auf Sansibar vor dem heutigen Tansania, bis ihnen Mitte des vergangenen Jahrhunderts deutsche und englische Kaufleute das Geschäft und später die Macht abspenstig machten. Einer dieser Kaufleute, der Hamburger Heinrich Ruete, entführte 1867 eine junge Schwester des regierenden Sultans: Emily Ruete, geborene Prinzessin Salme von Oman und Sansibar. Ihre Memoiren wurden jetzt neu aufgelegt – eine amüsante Beschreibung des Lebens auf Sansibar vor mehr als hundert Jahren:

  • Emily Ruete, geb. Prinzessin Salme von Oman und Sansibar: Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert

Hrsg. von Annegret Nippa; Athenäum Verlag, Frankfurt 1989; 289 S., 48,– DM

Salme, alias Emily, war eine resolute Frau, die ihren Kaufmann nur allzugern nach Hamburg begleitete. Zwar war einer Mohammedanerin in Sansibar der Umgang mit fremden Männern streng untersagt. Doch offenbar war die Kontrolle schlecht, denn als Salme ihr Land verließ, war sie bereits mehrere Monate schwanger. In Aden wurde sie auf den Namen Emily getauft und ihrem deutschen Mann angetraut, der drei Jahre später in Hamburg unter eine Pferdebahn kam und starb.

Salme erlebte ihre erste Ernüchterung im scheinbar aufgeklärten Abendland: Während sie in Sansibar schon als junges Mädchen selbständig ihre ererbte Plantage und ihre Vermögen verwaltet hatte, stellte das Hamburger Recht die junge Witwe unter die Kuratel von zwei Vormündern. Die Araberin begann an der Freiheit der Europäerinnen zu zweifeln: Warum nur bemitleideten die Damen auf den Hamburger Teekränzchen ihre Schwestern im Orient?

Nicht zuletzt um diesen Damen die gängigen Märchen über das Haremsleben auszureden, schrieb sie später das Buch über ihre Heimat, in dem sie von ihrem Vater erzählt, dessen zwei ebenbürtigen Frauen und den 75 Nebenfrauen – Sklavinnen aus Afrika, Persien, Kaukasien und der Türkei. Die Kinder dieser Großfamilie waren, ungeachtet ihrer Herkunft, Hautfarbe und Sprache, alle ebenbürtige Prinzen und Prinzessinnen. Auch konnten sich die Mohammedanerinnen anders als Christinnen ungehindert scheiden lassen. Eine von Salmes 76 Stiefmüttern machte davon Gebrauch, während eine ihrer Schwestern im Ehevertrag festhalten ließ, daß sie keine weitere Frau an der Seite ihres Ehemanns dulden würde.