Von Helga Hirsch

Auf dem Spielplan der Warschauer "Operette" in der Nowogrodzka-Straße steht Fred Raymonds "Maske in Blau". Vor dem Eingang drängelt sich eine ungeordnete Menge, die sich erst allmählich zur Schlange formt, die lange Fensterfront mit den Photos von den Höhepunkten vergangener Saisons verdeckt, sich weiter am Bauzaun des Nachbargrundstücks entlangzieht, die Fahrbahn der einmündenden Nebenstraße zwar frei läßt, aber sich erst irgendwo auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig verliert. Einhundert, zweihundert, dreihundert ... sechshundert, siebenhundertzwölf Menschen, die Einlaß begehren. Sechzigjährige, Achtzigjährige, junge Gesichter sind die Ausnahme.

Seit drei Uhr nachts stehen manche, niemand kam später als sechs – und alle wollen sie noch heute abgefertigt werden, denn heute ist Montag und damit – seit Anfang September – Bürostunde der "Vereinigung der im Dritten Reich geschädigten Polen". Drei Stunden lang füllt sich das Foyer unter den folkloristischen Porzellankronleuchtern mit Alten und Invaliden, ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Insassen, mit Bitteren und Hoffnungsfrohen, die Gerechtigkeit und Geld verlangen. Montag ist spielfreier Tag.

In Osteuropa bricht die Nachkriegsordnung zusammen – und immer noch sind die Menschen mit den Kriegsereignissen beschäftigt? Ost und West wachsen Schritt für Schritt wieder zusammen – und immer noch erinnern einige an die Wunde der Teilung? Die Bundesrepublik tritt als großzügiges Geberland auf, um Polen auf dem Weg aus dem kommunistischen Ruin zu helfen – und wird doch noch für Verbrechen des Dritten Reiches verantwortlich gemacht? Wie lange soll der Krieg noch in die Gegenwart reichen?

Grzegorz Sulek, Jahrgang 1922, bewegt sich vorwärts, indem er das rechte Bein mit der ganzen Körperkraft nach vorn drückt, das linke nachzieht und sich auf zwei Krücken abstützt. Die Beine sind steif. Wenn er sich setzt, läßt er sich auf den Stuhl fallen.

Frau Karolina Staszewska, Jahrgang 1934, verlor die kleine Schwester beim Warschauer Aufstand, den Vater in Dachau, mit der Mutter lebt sie bis heute zusammen – sie ist pflegebedürftig.

Frau Barbara Grzybowska, Jahrgang 1918, war zwischen 1940 und 1945 in verschiedenen Kleinbetrieben des Ruhrgebiets zwangsverpflichtet. Einige Monate saß sie im Knast, weil sie etwas hatte "mitgehen" lassen. "Die Deutschen gaben mir immer zu essen, aber mit Entschädigungen werden sie nicht rausrücken." Sagt sie und hofft doch etwas anderes. Warum hätte sie, die 71jährige, sonst schon zum zweiten Mal acht Stunden anstehen sollen, um die – hoffentlich jetzt vollständigen – Papiere abzugeben, die beweisen sollen, daß sie zum Kreis derer gehört, für die die "Vereinigung" Entschädigung einklagt: ehemalige Zwangsarbeiter, Lagerinsassen, Kriegsgefangene, Zwangsausgesiedelte, Enteignete, Invaliden.