Man Ray über seine Arbeit: „In welcher Form mein Werk auch immer verwirklicht wird – ob Zeichnung, Malerei, Photographie oder als Objekt in seinem ursprünglichsten Material – es ist geschaffen, um zu erheitern, zu irritieren, zu beunruhigen oder Reflexion auszulösen, doch niemals, um bewundert zu werden wegen der technischen Ausführung und Qualität, die man normalerweise bei Kunstwerken erwartet.“ Wenigstens die Filmkunst käme noch als weitere kreative Disziplin hinzu.

Der 1890 in Philadelphia geborene Amerikaner Man Ray, der 1976 in „seinem“ Paris starb, ist der virtuose Magier zwischen den Kunstgattungen. Unter der Leitung von Merry Foresta vom National Museum of American Art in Washington erschien eine Leben und Werk anschaulich darstellende Werkmonographie, die ursprünglich zu einer Ausstellungstournee durch die USA (die momentan noch läuft) entstand und nun in deutscher Sprache vorliegt.

Das Einleitungskapitel beschäftigt sich mit den Leitmotiven innerhalb der Werkentwicklung dieses Gründers der New Yorker Dada-Gruppe: Auge, Kopf und immer wieder, als gleichsam avantgardistische Verklammerung, das Metronom mit tickendem Auge. Naturgemäß liegt der Schwerpunkt auf den Pariser Jahren: zwischen 1921 und 1940. Die Photographie steht im Zentrum des Schaffens dieser beiden Jahrzehnte.

Vorgeführt wird ein Künstler im Spannungsfeld der europäischen Avantgarde – Futurismus, Dadaismus, Surrealismus – und der schillernden Pariser Gesellschaft. Als manischer Experimentator bereichert er die Lichtbildkunst jener Jahre durch die nach ihm benannten „Rayographien“ (Photogramme): Bildschöpfungen, die in der Dunkelkammer ohne Einsatz der Kamera entstehen.

Die Flucht aus dem vom Krieg erschütterten Europa nach Hollywood, wo er als Modephotograph, Kunstlehrer und Designer arbeitete, folgte 1940. Die anschließenden elf Jahre beschreibt das Buch als eine Verbannung in ein letztlich unbefriedigendes Paradies. 1951 hatte Paris ihn endgültig wieder.

Der Historiker Roger Shattuck nimmt – in einem erzählerisch gehaltenen Kapitel – Bezug auf das Titelbild der Man-Ray-Autobiographie aus dem Jahr 1963: das Gesicht des Künstlers mit einem Fadenkreuz, das genau zwischen die Augen zielt. Shattuck schlüpft in den Künstlerkopf und formuliert: „Ich bin, sagt das Bild, ein Kamera-Jäger-Gefangener-Modell-Auge-Ziel-Zeuge-Verfol- ger-Künstler, der aus Amerika gekommen ist, um das Niemandsland zwischen Kunst und Photographie zu erforschen.“ Roland Groß

  • Man Ray 1890 – 1976

Sein Gesamtwerk; Edition Stemmle, Schaffhausen 1989; 344 S., Abb., 148,– DM