Von Johannes Groschupf

Im Mittelklassewagen kreuzt er durch seinen Bezirk, meist vormittags, gelegentlich auch abends oder nachts. Er steigt, die Aktentasche unterm Arm, durch Treppenhäuser, entziffert Namen an Briefkästen, klingelt an Wohnungstüren. Nein, er ist nicht der Gewinnberater der Lottogesellschaft mit dem Köfferchen voller Tausender. Er reist auch nicht in Staubsaugern, Versicherungen oder Zeitschriften. Er bietet nicht an, er fordert ein. Er ist der Gerichtsvollzieher.

"Tag, ich komme vom Amtsgericht", lautet seine Erkennungsmelodie; er ist beauftragt, ausstehende Zahlungen einzutreiben. Wenn er kommt, ziehen die Leute die Vorhänge zu oder knipsen das Licht aus. Wenn er fortgeht, atmen sie auf. Aber er wird wiederkommen. Und dann bringt er einen Schlosser mit, einen Polizisten, einen Dolmetscher oder einen Hundefänger, wenn es sein muß. Auch in Banken, Firmen, Versicherungen kehrt er regelmäßig ein, um Lohn- oder Gehalt zu pfänden, Versicherungspolicen anzutasten oder sich am Lohnsteuerjahresausgleich gütlich zu tun. In Boutiquen taucht er ebenso auf wie in Spelunken, er klingelt bei Reichen und Armen.

Im Bezirk Hamburg-Eimsbüttel steht, wegen Mietschuld, eine Räumung an. Zum Termin erscheinen die Hausverwalterin, der Gerichtsvollzieher H. und der Schlosser, dieser mit einer schweren Werkzeugtasche. Hammer und Meißel werden jedoch nicht benötigt, der Mieter öffnet nach dem ersten Klingeln, ein müder Mann in Jeans und Sweatshirt. "Tag, ich komme vom Amtsgericht. Nach menschlichem Ermessen müssen Sie jetzt hier raus", ist die Begrüßung des Gerichtsvollziehers. "Damit hab ich schon gerechnet." Die Wohnung ist noch möbliert, eine alte Couchgarnitur, an den Rändern aufgeschlitzt, ein billiges Regal daneben, Umzugskartons stehen, halbgepackt herum. Auf einem Tischchen ein zerknüllter Lottoschein, wieder kein Glück gehabt.

Die Verwalterin will die neue Adresse ihres Schuldners notieren. "Hab’ keine, weiß noch nicht, wo ich heute schlafe." Da wird sie böse: "Also, das wußten Sie doch vorher!" Er schweigt, die Arme verschränkt; soll die Alte doch meckern, was geht es ihn noch an. Gerichtsvollzieher und Schlosser packen die Stereoanlage und den Videorecorder zusammen. Die Schlüssel werden übergeben. Die Verwalterin zetert: "Daß Sie auch ja den Müll und Mott hier rauskriegen." Der Mann wendet sich ab.

Auf Montage sei er gewesen, in Schweden und anderswo, habe die Gerichtstermine nicht einhalten können, so sei das passiert. Die Hausverwalterin tuschelt: "Typische Scheidungsleiche, der Mann; hat danach nicht mehr Fuß gefaßt."

Für den Gerichtsvollzieher sind Räumungen Routinesache. Die meisten Leute seien selbst schuld, meint er, und hauptsächlich seien es alleinstehende Männer, eher jung, die zu labil seien, "denen das Rückgrat fehlt". Familien mit jammernder Kinderschar, beliebte Klischeevorstellung, gebe es vielleicht zweimal in dreißig Jahren.