Gerhard Härles Studie hätte Epoche machen können. Doch statt einen querköpfigen Essay über die Verflechtungen von Leben und Werk, Homosexualität und Erfolg bei Thomas und Klaus Mann zu schreiben, hat er seine Gedanken „Zur Homosexualität bei Klaus und Thomas Mann“ in die Zwangsjacke akademischer Beweisführung gequetscht. Fußnotenreich und lebensarm verbinden sich Literaturwissenschaft und Psychoanalyse, bis die subjektive Erfahrung, die Härle in die Untersuchung einzubeziehen verspricht, hinter Worthülsen fast verschwindet. Schon das Verständnis der Homosexualität wird durch Härles Formulierung eher erschwert: „Gerade in ihrer Auslieferung an die schmerzhafte Grenzerfahrung kann Homosexualität verstanden werden als Trauerarbeit, und zwar als gesellschaftlich delegierte Trauerarbeit.“ Ein so mühselig zusammengenageltes Begriffsdach aus Trauer und Arbeit verhindert, daß wir klar erkennen können, was eigentlich an dem auf englisch als gay (= fröhlich) bezeichneten Zustand so traurig sein soll. Die Chance, das Verhältnis der Literaturwissenschaft zur Homosexualität neu zu begründen, hat der Autor vertan, weil er (unter umgekehrten Vorzeichen) das alte Vorurteil bestätigt, daß homosexuelle Literatur irgendwie freudianischer sein müsse als alle andere. Das Buch ist eine Fundgrube von psychologischen Symboldeutungen und daran anschließenden Spekulationen über das Pathologische in der Beziehung von Vater und Sohn. Über die Wirklichkeit von Klaus und Thomas Mann erfährt man allerdings wenig, über ihre Homosexualität nur freudianische Gemeinplätze und über ihre Literatur gar nichts. Frank Busch

  • Gerhard Härle:

Männerweiblichkeit

Zur Homosexualität bei Klaus und Thomas Mann; Athenäum Verlag, Frankfurt 1988; 412 S., 58,– DM