Von Gunter Hofmann

Bonn, im November

Die Bilder sind abgehängt, die von Gipfelsturmträumereien kündeten. Heiner Geißler, der in diesem Arbeitszimmer lange residierte, schreibt zu Hause an einem Buch über seine Erfahrungen, die im abrupten Karriereknick endeten. Auf seinem Stuhl, im zehnten Stock des Adenauer-Hauses, sitzt nun ein anderer, Volker Rühe.

Rühe vermeidet die Aussage, die CDU weine ihrem langjährigen Generalsekretär Geißler keine Träne nach. In der Tat sieht es so aus, als vermisse die Mehrheit den unbequemen Geißler nicht, dessen demagogische Talente sie geliebt, dessen unruhiger Geist sie aber auch überfordert hat. Aber vermißt ihn die Minderheit, der liberale, kritische Rest, die andere CDU? Über sie wird weniger geredet, das Thema wird derzeit in der Union ausgeblendet. Diejenigen, die Geißler applaudieren, wählen uns ohnehin nicht, hat Helmut Kohl einmal befunden. Auf die könne man also pfeifen. In diesem Sinne pfeift Volker Rühe kräftig.

Nun gibt es für Generalsekretäre kein festes Berufsbild, und wirklich große Generalsekretäre, das kommt noch hinzu, sind seltene Glücksfälle. Karl-Hermann Flach ragte bei den Liberalen Anfang der siebziger Jahre heraus. Auch Heiner Geißler, ein ganz anderer Typus, aggressiver und demagogischer, verdiente den Titel des "Generals" wirklich. Anke Fuchs, die Nachfolgerin von Peter Glotz als Bundesgeschäftsführerin, verwaltet das Amt, so gut es geht. Ähnliches gilt für die Generalsekretärin im Thomas-Dehler-Haus, Cornelia Schmalz-Jacobsen, und ihren Kollegen Erwin Huber in München. Milde formuliert spiegeln sie wider, wie es um ihre Parteien bestellt ist.

Wo hat da Volker Rühe seinen Platz? Ein einziges Mal zog er die Blicke wirklich auf sich, als er, noch vor Übernahme des neuen Amtes, im Bundestag die Politik der Sozialdemokraten gegenüber Ost-Berlin und Osteuropa als "Wandel durch Anbiederung" brandmarkte. Die SPD traf das tief. Solche Kritik stieß auf eine unsichere Partei, die Versäumnisse ahnte und ihre gouvernementalen Neigungen nicht leugnen kann.

Auf diese Rede blickt Volker Rühe seitdem fast so liebevoll stolz zurück, als hätte er eine Rede wie Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 gehalten. "Das kann man nicht so aus dem Effeff", schildert er, "da steckt viel Arbeit drin, viel Lektüre, Václav Havel zum Beispiel, das ist einen Sommer lang gewachsen." Vermutlich schon deshalb läßt sich Rühe auch aus der Distanz nicht auf Fragen ein, ob das denn alles richtig war, was er gesagt hat. Erfolg berauscht und macht süchtig, aber taub macht er auch. Rühe ist erst ein paar Wochen im Amt, aber die Welt in seiner Darstellung erscheint schon erstaunlich überschaubar, wohlgeordnet, ja geradezu einfach erklärbar.