ARD, Mittwoch, 25. Oktober: "Quarantäne"

Auf den "Mainzer Tagen der Fernsehkritik", die vorige Woche am Lerchenberge stattfanden, fiel das Wort von der "Scham vor alten Themen". Ungern kämen Sender auf Fragen zurück, die sie bereits "abgehakt" hätten, egal, ob die damit verbundenen Konflikte weiterschwelten oder nicht. Was das Fernsehen durchgespielt hat, das hat ausgespielt – als Stoff und als Problem. So werfe, wer eine Sache vom Tisch haben will, diese beherzt wiederholt ins Programm. Nichts ist älter als die Zeituig von gestern und nichts mehr out als die Talk-Titel der letzten Woche.

Im Sinne eines wünschenswerten Widerstandes gegen den Aktualitätsdruck in Redaktionen und Studios ist die Festigkeit zu loben, mit welcher der Südwestfunk das Thema Aids in der Debatte hält. "Quarantäne", ein Fe-nsehspiel von Fred Breinersdorfer, diskutierte das Dilemma von Ärzten, Juristen und Politikern angesichts des Patienten Null: Da trägt einer ein bislang unbekanntes, womöglich tödliches, leicht übertragbares Virus im Blut – wohin mit dem? Isolieren – obwohl es vorerst nur Vermutungen sind, die für den letalen Ausgang der Krankheit und damit für Zwangsmaßnahmen sprechen? Oder dem Buchstaben des Gesetzes die Treue halten und "im Zweifel für die Freiheit" entscheiden? Aber was ist, wenn mit dem Patienten Null ein Killer-Virus auf die Menschheit losgelassen wird?

Amtsrichter Betz (Günther-Maria Halmer) ist liberal, aber kein Held: ein ideales Objekt für das Dilemma, da, wo es am tiefsten ist. "Ich kann doch eine richterliche Entscheidung nicht am potentiellen Ansteckungsrisiko orientieren", sagt er und läßt Patient Null laufen. Doch die nächsthöhere Instanz fängt ihn wieder ein. Längst hat der ehrgeizige Arzt Professor Kron (Ulrich Matschoss), der gern als Retter der Menschheit in die Geschichte eingehen möchte, seine Fäden gesponnen. Richter Betz gerät unter Druck und kippt um. "Kontaktpersonen" werden reihenweise zwangsgetestet und mit Betzens Hilfe interniert. Bis Gisa (Renan Demirkan) dran ist – seine Geliebte, Anwältin des Patienten Null – und infiziert. Da steht sie nun, krank, schmal, schön, und alle erwarten, daß Betz, diese Marionette ehrgeiziger Saubermänner, sie ihrer Freiheit beraubt. Aber er tut etwas ganz anderes – er spricht sie los und sich selbst schuldig, denn er steht auf und küßt sie. In dubio für die Liebe.

Die nachfolgende Dokumentation Gero von Boehms führte einen möglichen Ausgang der Geschichte vor: Das Virus erweist sich als relativ harmlos, alle kommen frei, und der Politiker, der den Einflüsterungen Professor Krons erlag, tritt zurück. Die Liberalität behält im nachhinein recht. Aber was wäre gewesen, wenn ...? Darf oder muß Liberalität walten, auch dann, wenn das Virus den Tod bringt?

Diese Dokumentation hätte gern länger und genauer sein dürfen, denn in ihr gewann das "alte Thema" Aids und das Dilemma der Politik stärkere Konturen als im Fernsehspiel. Das Stück hat die Thematik nur diskutiert – und tat doch so, als agiere es sie aus. Wenn schon eine kulinarische Form, dann auch "Butter bei die Fische". Durch diesen steifen Streifen, der nur gutgemeint war, erfuhr das Dilemma eine Übersetzung bestenfalls in Argumente, nicht aber in Vitalität. Und wenn es nur "wichtig" ist anstatt lebendig, dann wird es eben "abgehakt".

Barbara Sichtermann