Beteiligte und Beobachter sind sich weitgehend einig: Die Tarifrunde des nächsten Jahres wird nicht ohne Arbeitskampf zu Ende gehen. Vieles in diesen Wochen erinnert fatal an die Situation vor sechs Jahren.

Damals, im Herbst 1983, bauten die IG Metall und ihr Tarifkontrahent, der Arbeitgeberverband Gesamtmetall, mit Fleiß und großem Kampfgeschrei die Hürden für die Verhandlungen des Jahres 1984 auf. Die Gewerkschaft forderte die 35-Stunden-Woche, die Unternehmer wollten „keine Minute unter 40 Stunden“ zugestehen. In einer der härtesten Auseinandersetzungen der Nachkriegsgeschichte einigten sich die Parteien nach sieben Wochen Streik und schwieriger Schlichtung auf die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit um eineinhalb Stunden.

Im Frühjahr 1990 will die IG Metall nun den letzten Schritt zur 35-Stunden-Woche schaffen. Und der scheint nicht einfacher zu werden als der erste. Auch heute ist der „Großkonflikt programmiert“ (IG-Metall-Chef Franz Steinkühler). Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Hans Peter Stihl, droht schon unverhohlen mit „bundesweiter Aussperrung“. Die ist zwar nach allgemeiner Rechtsauffassung schlicht verboten, solange die Gewerkschaft nur in einem regional begrenzten Gebiet streikt, aber als Versuch der Einschüchterung taugt die Ankündigung allemal.

Doch so sehr sich die Bilder im Vorfeld der beiden Tarifrunden auf den ersten Blick gleichen, so unterschiedlich sind die Szenarien beim Blick hinter die Kulissen. Für den Gewerkschaftstag der IG Metall in Berlin, der am vergangenen Wochenende zu Ende ging, schien die 35-Stunden-Woche eher ein Thema am Rande zu sein, vielleicht auch eine Selbstverständlichkeit – jedenfalls etwas, worüber nicht lange geredet wurde. Der Komplex Tarifpolitik wurde gegen Ende des Kongresses relativ rasch erledigt.

Noch nie gab es aber bei einem IG-Metall-Kongreß eine so lange und qualitativ bemerkenswerte Debatte der Geschäftsberichte. Vor allem Franz Steinkühler mußte sich immer wieder schonungslose Kritik an seinem autoritären Führungsstil vorwerfen lassen. „Die Zukunft gestalten – menschlich, offen, gerecht“ – dieses Motto des Berliner Kongresses wollten die Delegierten nicht nur als Leitmotiv für die Politik nach außen verstanden wissen, sondern auch in der eigenen Organisation realisieren. Das, was der Vorstand, und vor allem der Vorsitzende, dort zu hören bekamen, war nicht bloße Aufmüpfigkeit – wie sie bei großen Versammlungen dieser Art an der Tagesordnung ist. Das waren ernstzunehmende Anzeichen einer tiefen Unzufriedenheit mit verkrusteten Strukturen im eigenen Lager.

Daß Steinkühler dennoch mit dem phantastischen Ergebnis von 88 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt wurde, ist kein Widerspruch. Es zeigt vielmehr die politische Reife der Delegierten, die offenbar genau wissen, daß sie ihren Spitzenvertreter vor einer so schwierigen Tarifrunde nach außen stärken müssen. Denn auch wenn die Begeisterung für den letzten Schritt zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche nicht groß zu sein scheint, besteht doch offenbar Einigkeit darüber, daß diese Hürde jetzt genommen werden muß.

Mehr und mehr drängt sich der Eindruck auf, daß die Arbeitszeitverkürzung eine Altlast der achtziger Jahre ist, die die dringend notwendige Beschäftigung mit neuen Aufgaben verhindert. Steinkühler selbst sprach von einem „Problemstau“, den es in den neunziger Jahren abzubauen gelte. Die neuen Themen deuten sich bisher denn auch erst in Umrissen an: