Von Theo Schumacher

Essen

Es war der makabre Kitsch, der viele Beobachter unangenehm berührte. Während die einen nach dem „Königsmord“ lauthals forderten, die acht „Heckenschützen“ und „Verräter“ mögen sich stellen, die anderen händeringend die Einheit der Partei beschworen, schleppten SPD-Mitglieder einen Kranz vor das Parteitags-Podium und trugen „Solidarität und Aufrichtigkeit“ symbolisch zu Grabe. Sechs Stunden lang versuchten die Essener Sozialdemokraten am Montagabend, mit wüsten Beschimpfungen und Solidaritäts-Appellen ihre jüngste tiefe Krise beizulegen. Derweil lag die Hauptfigur des politischen Eklats, Essens zurückgetretener Oberbürgermeister Peter Reuschenbach, unter der Sonne Gran Canarias.

Zehn Tage zuvor hatten acht Mitglieder der 43köpfigen SPD-Ratsfraktion ihrem mit 50,5 Prozent der Stimmen in der Kommunalwahl siegreichen Spitzenkandidaten (Plakat-Slogan: „P.R. für Essen“) bei der OB-Kür die Stimme verweigert. Obwohl das Resultat dennoch für eine erneute Amtszeit ausgereicht hätte, zog Reuschenbach kurzerhand einen von zwei vorbereiteten Redetexten aus der Tasche und verkündete seinen Verzicht: Das Ergebnis sei „mit dem Wählervotum vom 1. Oktober nicht zu vereinbaren“, sagte er unter minutenlangem Beifallsgetrommel seiner Anhänger. Er habe keine Mehrheit mehr im Rat: „All jene, die am 1. Oktober mit der Hoffnung gewählt haben, mich wieder als OB zu sehen, müssen sich nun getäuscht fühlen.“

Dann verließ er den Sitzungssaal, räumte sein Amtszimmer aus und zog, gefolgt von 150 Parteifreunden, in seine Lager-Zentrale, eine Kneipe neben dem Rathaus. Im „Alt-Essen“, wo Pils, Korn und Tränen flossen, beklagten Männer und Frauen, vom Markthändler bis zum hohen Gewerkschaftsfunktionär, „die schwärzeste Stunde der Essener Sozialdemokratie“, stießen Verwünschungen aus, schworen Rache. Reuschenbach, auf einem Stuhl stehend, propagierte das Primat der Partei vor der Fraktion, ehe er nach Spanien in den Urlaub flog.

Seine Nachfolgerin Annette Jäger – ihre Siegesfeier hatte nicht annähernd soviel Zulauf – dürfte die einzige aus dem SPD-Führungszirkel gewesen sein, die Reuschenbachs spektakulärer Abgang unvorbereitet traf. „Es war keiner von dieser Entscheidung überraschter als ich“, beteuerte sie später. Dabei hatte die Neue Ruhr Zeitung schon Tage vor der Ratssitzung spekuliert, ob die lediglich als Bürgermeister-Kandidatin nominierte 52jährige „auf die schlichte Anrede ‚Frau Jäger‘ noch Wert legt, wenn ihr gar das viel gewichtigere Amt des Oberbürgermeisters aus trübem SPD-Himmel plötzlich in den Schoß plumpst“. Und sogar die sonst eher schwerfällige CDU-Opposition hatte gemerkt, daß etwas im Gange war, hatte zwei Stunden vor dem Wahlgang noch eine zweite Kandidatin auf ihrer Liste nachgeschoben und am Ende auch als Bürgermeisterin durchgebracht. „Normalerweise, wenn’s hart auf hart kommt, halten die Sozis ja zusammen“, ließ sich ein CDU-Ratsherr später vernehmen, „aber diesmal haben wir deutliche Signale bekommen.“

Mit Reuschenbach haben die an Führungspersönlichkeiten armen und in sich völlig zerstrittenen Essener Sozialdemokraten innerhalb von knapp zwei Jahren ihren dritten Spitzenmann verschlissen. Schon lange sind Pöstchenschieberei, Ämterpatronage und Selbstbedienung an der Tagesordnung, und der haßerfüllte Kampf unter den SPD-Genossen wirft die um ein besseres Image bemühte „Ruhrmetropole“ immer wieder zurück (ZEIT 14 / 89). Reuschenbach, Ex-Referent von Bundeskanzler Willy Brandt und damit Vorgänger Guillaumes, war selbst die treibende Kraft, als der frühere Fraktionschef und auch der Vorsitzende der 12 000 Mitglieder zählenden Essener Partei entnervt aufgaben. Jetzt rächten sich deren Anhänger in geheimer Wahl. Doch vieles spricht dafür, daß Reuschenbach, im internen Streit verbraucht, nur auf eine günstige Gelegenheit zum wirkungsvollen Abgang gewartet hat. Hatte der Oberbürgermeister Anfang dieses Jahres ein Mißtrauensvotum der Ratsfraktion noch mit Mühe und Not überstanden, so trat der amtsmüde Reuschenbach mit Hinweis auf das ausgebliebene Vertrauen jetzt ohne Zögern zurück – und steht öffentlich als Märtyrer dar. „Das war ein geplanter Coup“, zürnte Reuschenbach nach der Ratssitzung. Doch die ihn geplant haben, sitzen womöglich nicht nur im gegnerischen Lager.