Auch bei den Unternehmern wächst der Widerstand gegen Menems Roßkur

Von Carl D. Goerdeler

Hundert Tage nach seinem Start kommt Argentiniens Präsident und Hobbypilot Carlos Menem in die ersten Turbulenzen seiner Regierungszeit. Protestmärsche gegen die Begnadigung aller für den schmutzigen Krieg Verantwortlichen aus der Militärdiktatur, Streiks der Eisenbahner und Lehrer wegen der niedrigen Gehälter, offene Kritik von Unternehmern und Gewerkschaftsfunktionären an der staatlich verordneten Roßkur – die Widerstände wachsen.

Umfragen bescheinigen Menem zwar immer noch höchste Beliebtheit bei den Argentiniern. Schließlich hat der Peronist es geschafft, die Inflation von 200 Prozent im Juli auf 10 Prozent im September zu drücken. Und mit der warmen Frühlingssonne scheinen viele Argentinier die dunklen, kalten Tage der Hungerrevolten und Kaufhaus-Plünderungen verdrängt zu haben. In den Geschäftsstraßen der City von Buenos Aires tummeln sich die Käufer. Die Autos brausen wie eh und je über die Avenidas, obwohl der Benzinpreis um das Fünffache heraufgesetzt wurde.

Doch der schöne Schein in der glitzernden Hauptstadt trügt. Draußen in den Vorstädten sieht es trist aus. Ein Drittel der Einwohner von Buenos Aires vegetiert in Baracken und Buden der Armenviertel, lebt von der Hand in den Mund ohne Aussicht auf regelmäßige Arbeit. In Provinzstädten wie Tucumän, Salta oder Mendoza ist jeder vierte arbeitslos; Kinder sterben an Unterernährung. Die Armen leiden unter Menems Sparkurs, der von Managern der größten Dritte-Welt-Multis formuliert wird.

Als Menem im Juli in die Casa Rosada einzog, holte er sich nämlich hochkarätige Manager vom Handelskonzern Bunge und Born ins Kabinett. Über diese verdächtige Verquickung von Wirtschaft und Politik lästern seitdem die Kritiker mit dem Spruch: „Was gut ist für Bunge und Born, ist gut für Argentinien.“

Nach Unilever und Nestlé ist Bunge und Born der größte Getreidehändler der Welt. Unter dem Dach der Holding mit Sitz in São Paulo sind rund 200 Unternehmen in 80 Ländern der Erde vereint. Sie beschäftigen weltweit 60 000 Menschen und setzen jährlich etwa 15 Milliarden Dollar um. Bunge und Born ist der größte Multi der südlichen Hemisphäre, in Argentinien gehören seine Unternehmen zu den größten des Landes. Bisher lag der Konzern nur in Konflikt mit den Peronisten, vor allem deshalb, weil Juan Domingo Perón während seiner Amtszeit als Präsident (1946 bis 1955 und 1973 bis 1974) die Getreidesilos verstaatlichte und den Außenhandel streng reglementierte. 1974 wurden die Firmenchefs Jorge Born III. und Juan Born von peronistischen Montonero-Guerillas sogar gekidnappt und erst gegen ein Lösegeld von sechzig Millionen Dollar wieder freigelassen.