Sanft, aber herzlich

Das könnte Gold sein", murmelt der Wallner Toni in seinen zerzausten Bart und läßt die Goldwaschpfanne noch ein paarmal kreisen. Ein winziges Körnchen, eher schwarz denn gülden, bleibt kraft der Rotation und des hohen spezifischen Gewichts am Rand der grünen Plastikpfanne liegen. Das Wörtchen "Gold" hat die Umstehenden elektrisiert. Die Nachbarn werden zur Seite gestoßen, und im Nu ist der Wallner Toni von zwanzig Goldwäschern umringt. Ein Hauch von Klondike weht durch den Talschluß von Kolm Saigurn im österreichischen Rauristal.

Im Hauptberuf ist der Wallner Toni Pächter des Naturfreundehauses Kolm Saigurn auf 1598 Metern über Normalnull am Rand des Nationalparks Hohe Tauern. Die anderen Goldwäscher sind Mitglieder des Touristenvereins "Die Naturfreunde", die sich hier im Pinzgau zu einer "Erlebniswoche" getroffen haben. Einer der Programmpunkte ist das Goldwaschen am eiskalten Hüttenwinkelbach, der die Gletscher am Hohen Sonnblick und am Hocharn entwässert.

Die österreichischen Naturfreunde wollen mit dem Urlaubsangebot im Rauristal "den sanften Tourismus erlebbar machen" (Programmausschreibung). Nicht ohne Grund wurden das Rauristal und das Dörfchen Wörth als Standort der Wanderwoche ausgewählt. Das Tal verläuft in Nord-Süd-Richtung parallel zum touristisch übererschlossenen Gasteiner Tal. Taxenbach ist die nächstgelegene Bahnstation und Ausgangspunkt der Straße, die die enge Schlucht der Kitzlochklamm überwindet und über den Markt Rauris sowie die Dörfer Wörth und Bucheben bis in den Talschluß von Kolm Saigurn führt.

Voller Stolz berichtet Erich Hutter, Obmann des Rauriser Fremdenverkehrsverbandes, daß in der vergangenen Wintersaison zum ersten Mal die "Schallgrenze von 200 000 Nächtigungen überschritten wurde". Mit gut 150 000 Übernachtungen blieb die Sommersaison jedoch deutlich hinter der kalten Jahreszeit zurück. Mit dem Nachbartal können die Rauriser zahlenmäßig ohnehin nicht konkurrieren. Das Gasteiner Tal ist mit über 2,5 Millionen Übernachtungen das größte alpine Tourismusgebiet in Österreich mit bekannten Folgen für die Umwelt wie Verstädterung, Zersiedelung und Bettenüberangebot – Folgen des Tourismus, die die Naturfreunde vermeiden wollen.

Am ersten Tag der Wanderwoche drängeln sich um 9 Uhr in der Früh’ 120 sanfte Touristen auf dem Parkplatz neben dem "Andreiwirt" in Wörth. Das komplette Ausrüstungssortiment der führenden Bergsportläden der Bundesrepubliken Österreich und Deutschland scheint hier seine Käufer gefunden zu haben. Bergschuhe aller Marken – auch die futuristischen im italienischen Neonfarbendesign – zieren Bergwandererbeine. Die Palette der Rucksäcke reicht vom schlichten Baumwollsack der Großväterart bis zum City-daypack aus Nylon mit taz-Emblem. Die traditionelle Unisex-Wanderbekleidung ist stark vertreten: Kniebundhosen aus Cord, rote Wadenstrümpfe, blau- oder rotkariertes Hemd und Tirolerhut aus Filz. Nur vereinzelt setzen die Kreationen der neuen Outdoor-Generation in Goretex, Cordura oder Climaguard grellbunte Akzente.

Hundertzwanzig Naturfreunde wieseln zwischen den Autos herum. Die wenigsten kennen sich. Es dauert, bis alle ihre Gruppe, zu der sie sich am Vorabend eingeteilt haben, finden. Die Gruppe 1 der "leistungsorientierten Bergsportler und hochalpinen Tourengeher" ist die kleinste. Nur zwölf Bergfreunde trauen sich die Besteigung des Hohen Sonnblick zu, die für den Schluß der Woche geplant ist. Mit Abstand am größten ist die Gruppe 3, die sich um die Wanderführer Franz und Christine schart. Rund vierzig Naturfreunde halten sich für "zügige Wanderer".

Reinhard Dayer, agiler Generalsekretär und oberster Funktionär der Naturfreunde in Österreich, versteht die Wanderwoche im Rauristal als Pilotprojekt. "Wir können den ‚harten‘ Tourismus nicht rückgängig machen oder wegdiskutieren. Aber wir können Rahmenbedingungen schaffen, die einen ‚angepaßten, sanften‘ Fremdenverkehr ermöglichen." Reinhard Dayer meint einen Tourismus, der Natur und Landschaft schützt, der die gewachsene Kultur achtet und der "das Kleine dem Großen" vorzieht.

Sanft, aber herzlich

Das tun die Naturfreunde, die im Rauriser Talschluß elf Quadratkilometer Grund und Boden sowie zwei Berghütten besitzen. Sie fühlen sich für die touristische Entwicklung des Tales mitverantwortlich. Unter den Rauriser Hoteliers und Gastwirten gibt es eine starke Fraktion, die auf einen forcierten Ausbau der touristischen Infrastruktur setzt. Seit Jahren wird versucht, ein zweites Skigebiet zu erschließen. Bislang stehen den Wintertouristen nur die "Hochalmbahn" und einige Schlepplifte zur Verfügung. Zu wenig, in den Augen mancher Rauriser. Pläne, bei der Stanzscharte oder von Kolm Saigurn aus eine Skischaukel im Verbund mit den Aufstiegshilfen des Gasteiner Tales zu eröffnen, scheiterten auch am Widerstand der Naturfreunde.

Die Gruppe der "zügigen Wanderer" quält sich die Forststraße des Forsterbachtales hinauf. Lang auseinandergezogen bewältigt der Lindwurm der Wanderer Höhenmeter um Höhenmeter. Taschen- und Handtücher werden gezückt, den Schweiß aufzusaugen. Das grüne Stirnband mit der Werbeaufschrift der österreichischen Postsparkasse, das jeder Naturfreund zusammen mit dem neckischen Baumwollhütchen ausgehändigt bekam, ist feucht und färbt ab. Die Gespräche, am Anfang des Weges noch intensiv und ausdauernd, verstummen allmählich.

Nach drei mühevollen Stunden ist die "Labestation", die Flatscher-Alm, erreicht. Vierzig ausgezehrte Bergfreunde stürmen in das Gebäude. Der sprichwörtliche österreichische Charme ist vergessen. Jetzt wird gedrängelt und geschubst, auf daß ein jeder seine Milch, seine Limo und sein Bier als erster bekomme. Die beiden Alten der Alm sind überfordert und haben ob der rollenden Schillinge leuchtende Augen. Schnell ist die Milch "fertig", denn vor den "zügigen" waren bereits die "sportlichen Wanderer" auf der Alm.

Die Wanderwoche der Naturfreunde bietet jeden Tag ein anderes Seitental. Jeden Tag fließt Schweiß. Allabendlich wird der Wasserhaushalt des Körpers mit einigen Bieren oder "Gespritzten" wieder in Ordnung gebracht. Jeden Tag lernen sich die Naturfreunde aus Linz, aus Frankfurt und Tel Aviv etwas besser kennen. Freundschaften entstehen, gemeinsame Ferienpläne für das nächste Jahr werden geschmiedet. Der Tourismus der Naturfreunde ist althergebracht, er benötigt keine Tennisplätze, keine Mountainbikes oder Paraglider. Es ist aber auch ein Tourismus, dessen Vertreter Stellung beziehen und sich einmischen, beispielsweise in die Rauriser Gemeindepolitik.

Rauris steht am touristischen Scheideweg. Der Talkessel von Kolm Saigurn ist ein Kleinod, das Begehrlichkeiten weckt. Seit Jahrhunderten wurde im Talschluß nach Gold geschürft. Bereits die Kelten, Römer und Slawen, später Bajuwaren und Franken folgten dem Lockruf des gelben Edelmetalls. Seine Blütezeit erlebte der Bergbau im Mittelalter, als über 2000 Knappen in Rauris und Gastein jährlich rund 4000 Kilogramm Gold den Bergen entrissen.

"Es herrschten Verhältnisse wie einige Jahrhunderte später am Sacramento oder am Klondike", schildert Reinhard Dayer, der sich eingehend mit dem Goldbergbau im Rauriser Tal beschäftigt hat. "Neben den legalen Bergleuten gab es Hunderte, die illegal nach dem Gold gruben und sich einander in blutigen Metzeleien die Beute streitig machten." Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gold mit neuen Technologien industriell gefördert. Aber die Konkurrenz in Südafrika und in den USA erwies sich als stärker, so daß heute nur noch einige Ruinen und Stollenanlagen vom Rauriser Goldrausch zeugen.

Ein Überbleibsel der Goldära ist der neun Kilometer lange Imhoff-Stollen, der Kolm Saigurn mit dem Gasteiner Tal verbindet. Dieser Tunnel ist völlig intakt und schürt Hoffnungen auf das weiße Gold des Tourismus. Die Gasteiner Tourismusmanager schielen auf die nahezu unberührte Naturlandschaft in Kolm Saigurn. Der heutige Besitzer der Grubenanlagen, die Radhausberg-Gesellschaft, trifft mit ihrem Vorhaben, den Stollen wieder zu öffnen und ein Schau-Bergwerk für Touristen zu errichten, in der Badgasteiner Gemeinde auf offene Ohren. Mit einer elektrischen Tunnelbahn sollen natursuchende Urlauber in den Rauriser Talschluß befördert werden. Auch Gastwirte in Rauris sind von diesen Plänen begeistert. "Wir brauchen für unsere Gäste eine Schlechtwetteralternative", verkündet Frau Nagl vom Gasthof "Alpenrose". Im Tal ist es ein offenes Geheimnis, daß die Durchgangalm-Genossenschaft, die große Flächen in Kolm Saigurn besitzt, beabsichtigt, hier einen Gasthof zu bauen. Da kämen die Touristen aus Gastein gerade recht.

Sanft, aber herzlich

Noch hat sich die Marktgemeinde Rauris gegen die Öffnung des Imhoff-Stollens und gegen eine Stollenbahn ausgesprochen. In dem "Konzeptvorschlag zur Sache Kolm Saigurn", fürchtet Bürgermeister Otto Kaiserer, daß der "als unersetzlich eingeschätzte Raum um Kolm Saigurn den zu erwartenden Besucherstrom nicht schadlos verkraften kann". Die Entscheidung gegen den Tunnel fiel in der Gemeindevertretung allerdings nicht einstimmig aus. Bürgermeister Kaiserer weiß auch den Grund: "Die Wirtschaft muß auch leben." Deshalb wird der von den Naturfreunden propagierte sanfte Tourismus als Alternative zu den großangelegten Ausbauplänen auch in Rauris eher belächelt. Idealistische Gedanken stoßen im Tal auf Skepsis. Stimmen die Finanzen, ist man sanften Ideen aber durchaus aufgeschlossen. Fremdenverkehrsobmann Hutter bringt es auf einen Nenner: "Wir wollen nicht sanft einschlafen."

In der letzten Nacht der "Erlebniswoche" kommen die Naturfreunde erst spät ins Bett. Ab 19.30 Uhr pendelt der gecharterte Bus zwischen Wörth und Rauris und befördert die 120 Bergfreunde zum Abschlußabend im Gasthof "Platzwirt". Im nüchternen Saal dirigiert "Lehrwart" Franz seine "zügigen Wanderer" zu den reservierten Plätzen. Die "sportlichen" waren aber schon wieder vorher da und müssen erst vertrieben werden. Die Drei vom Sankt Johanner Echo drehen die Regler der Verstärker auf, und die Naturfreunde drehen sich zum "Kufstein-Lied" und zu "Only you" im Kreis. Reinhard Kuntzke

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Auskunft: Verkehrsverein Rauris, Postfach 22, A-5661 Rauris; Naturfreunde Österreich, Postfach 98, A-1 150 Wien.