Architektur: Dekonstruktivisten in Wien und Weil

Von Manfred Sack

Der erste Satz, den Leonardo Benevolo für den dritten Band seiner „Geschichte der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts“ niederschrieb, liest sich wie eine Platitüde und gibt dennoch die volle Wahrheit wieder: „Die architektonische Entwicklung von 1960 bis heute (1985) verlief insgesamt keineswegs in geordneten Bahnen.“ Viel verwirrender: Es wimmelt nur so von Seitenwegen, schicken Sackgassen, Holperstrecken und Trampelpfaden. Weit und breit nichts, was man einen „-ismus“ nennen könnte, der unwiderstehlich alles Interesse auf sich versammelte und die Zeichenstifte führte. „Mag sein“, gab Philip Johnson in der Einleitung seiner kleinen, großes Aufsehen erregenden Ausstellung „Dekonstruktivistischer Architektur“ im vorigen Jahr in New York zu bedenken, „daß auch keiner entstehen wird, solange es nicht eine weltweit neue Religion oder Glaubensregel gibt, aus der eine Ästhetik hervorgehen kann.“ Keine Menschheitsdämmerung zu befürchten, keine Utopie zu erkennen, keine Revolution, die die Architekturgewohnheiten auf den Kopf zu stellen vorhätte, nur viele kleine Revolten hier und da, denen dann ein Verlegenheits-ismus angehängt wird.

Und die Gegenwart hat ja auch einen großen, rauhen Magen, der alles verdaut, schnell und reibungslos, dem auch jene Erfindungen nicht zu schaffen machen, die zu umschreiben jemand wieder allzu hilflos einen Begriff aus der modernen Philosophie gestohlen und für die Architektur zugerichtet hat: Dekonstruktivismus. Gemeint ist damit das Bestreben, beim russischen Konstruktivismus (und seiner Lust zum Derangieren) anzuknüpfen und ihn dabei zu verzerren, zu zertrümmern, kurzum, sich an allen Regeln der Baukunst von der Antike bis zur Moderne zu versündigen und einen grimmigen Spaß daran zu haben.

Lauter naiv oder hinterlistig inszenierte Zusammenstöße, man hört es krachen und klirren und kichern. Doch zu nicht weniger Leute Staunen stürzen derlei unbegreiflich (de-)konstruierte, zerklüftete, seltsam montierte oder collagierte, meist verwirrende Bauwerke nicht ein – sofern sie überhaupt das Glück erfahren haben, gebaut zu werden. In Wahrheit sind sie eher Skulpturen als Architekturen, der künstlerische Aplomb ist unübersehbar, deutlicher als die bautechnische Provokation. Betritt man die gebauten Werke jedoch, macht einen die Raum-Kunst für Momente stumm – weniger vor Überraschung als vor Ereignisreichtum, Atmosphäre, Schönheit. In Wien erregen die beiden Architekten Wolf Dieter Prix und Helmut Swiczinsky, die unter dem poetischen Namen Coop Himmelblau firmieren, Aufsehen mit einer bizarren Anwaltskanzlei; in Weil am Rhein wird an diesem Freitag das Stuhlmuseum der Stuhlfabrik Vitra eröffnet, das erste Bauwerk des Amerikaners Frank O. Gehry in Europa.

*

Coop Himmelblau gibt es seit 1968. Coop ist das Kürzel für Cooperative, Himmelblau aber ist, wie die beiden darunter vereinten Architekten Prix und Swiczinsky hervorheben, „keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Phantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen“. Anfangs haben sie – wie etliche ihresgleichen besonders in Wien – pneumatische Hüllen entworfen und gebaut, begehbare transparente Ballons, darin die von der Alltagswelt betrogenen Sinne mit Klängen, Düften, Farbspielen bereichert wurden, beliebte Happenings im beginnenden Raumfahrtzeitalter, die Coop Himmelblau später gegen die „Poesie der Trostlosigkeit“ tauschte. Sie proklamierten die bösen romantischen Märchen ihrer Bauwelt wie Manifeste mit rabiaten Metaphern, die meist wörtlich verstanden wurden.