Von Gert Fleischer

Rottenburg

Hans Küng ist keiner, der klein beigibt. Als Kritiker der katholischen Amtskirche ist der Theologe weltbekannt. Küng rüttelt am Bollwerk des Zölibats, ficht für die Gleichberechtigung der Frau in kirchlichen Ämtern, und er will, daß der Papst sich endlich irren darf.

Dieser Mann, Hans Küng, der sich so meisterhaft verkauft, der Hörsäle füllt, der acht Sprachen spricht, dessen Bücher in Millionenauflage gedruckt werden – dieser Mann mußte sich in der vergangenen Woche erneut wegen eines Regelverstoßes verantworten. Diesmal allerdings hätte er gern auf Publicity verzichtet, denn wer das Dogma der bundesdeutschen Straßenverkehrsordnung mißachtet, erntet eher Schadenfreude denn Lorbeer, zumal wenn er so berühmt ist und seine Feindschaften pflegt.

Im Mai verließ Küng, Direktor des Tübinger Instituts für ökumenische Forschung, die Autobahn als Falschfahrer und nahm kurzerhand die Auffahrt, nachdem er die Abfahrt Rottenburg verpaßt hatte. War es Fügung, daß ihm bei diesem Manöver ein Wagen begegnete, der nicht nur ordnungsgemäß in die richtige Richtung rollte, sondern der zum Verdruß des Professors von einem Pädagogen gesteuert wurde, der für solche Fälle einen Block und Bleistift hinter der Frontscheibe parat hatte? Der Studienrat, der sich und seine Frau durch den unerwarteten Gegenverkehr gefährdet fühlte, fuhr bis zur nächsten Raststätte und griff zum Telephon. „Ich habe es für meine Pflicht angesehen, die Polizei zu informieren“, sagte er vor dem Amtsgericht Rottenburg. „Mit unverminderter Geschwindigkeit“ sei ihm das Fahrzeug entgegengekommen, schilderte der Schulmeister seine unheimliche Begegnung mit dem Entgegenkommenden. In letzter Sekunde habe er nach rechts lenken können und so den Zusammenprall vermieden. „Ich bremste, sah mich um und diktierte meiner Frau das Kennzeichen.“

Obwohl er wegen ungenauer Zeugenaussagen zu seiner Person bestreiten könnte, an diesem Sonntag im Mai am Steuer seines Autos gesessen zu haben, gebe er zu, sich ordnungswidrig verhalten zu haben, sagte Küng. „Ich war nicht bei voller Konzentration, habe sinniert und bin an der Auffahrt vorbeigefahren.“ Gefährdet habe er das Ehepaar jedoch keineswegs; kein Urteil eines Gerichts könne ihn vom Gegenteil überzeugen. Er sei auch nicht stur über den Asphalt gebraust, sondern habe die Geschwindigkeit vermindert. „Das ist ein Wagen, mit dem man sehr fein bremsen kann“, warb Küng für seinen Daimler. Der Kirchenreformer, in flammenden Reden erprobt, war längst von seinem Stuhl aufgesprungen. Der Richter, bemüht, seinen prominenten Gast wie einen normal Sterblichen zu behandeln, sagte trocken: „Sie dürfen natürlich gern Platz behalten, wie das üblich ist bei uns hier im Amtsgericht.“

„Folgten Sie gewissermaßen einer spontanen Eingebung, als Sie sich entschieden, die Autobahn in entgegengesetzter Fahrtrichtung zu verlassen?“ Diese Formulierung des Vorsitzenden fand die Sympathie des Theologen. „Oder war es Ihnen einfach zu blöd, bis nach Herrenberg weiterzufahren?“ So fragte der Staatsanwalt, mit dem Erfolg, daß ihn Küng mit einem knappen „Nein“ bediente. Überhaupt: Den Ankläger mochte Professor Küng nicht recht leiden. Ihm warf er vor, er habe sich sein Urteil bereits vor Prozeßbeginn gebildet und er komme seiner Pflicht um objektive Wahrheitsfindung nicht nach. Küng: „Man braucht keine große hermeneutische Vorbildung, um festzustellen, daß Sie in diesem Fall nicht der richtige Mann sind.“