Von Roland Kirbach

Sie sind gekommen, um von der Bedrohung ihrer Heimat zu berichten: zwölf Eskimos vom Volk der Innu aus Labrador. Mit Politikern in Bonn wollen sie sprechen und die Öffentlichkeit über ihre Ängste und Nöte informieren. Die Innu fürchten um ihr Überleben, seit über ihrem Land Tief- und Tiefstflüge geübt werden, auch von der Luftwaffe der Bundeswehr. Die Grünen haben, zusammen mit der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), zu einer Veranstaltung mit den Innu in ihrer Kreisgeschäftsstelle in der Bonner Innenstadt eingeladen. Doch niemand kommt. Draußen herrscht indessen rege Geschäftigkeit; es ist Donnerstag abend, Dienstleistungsabend. In der Uni-Mensa findet überdies zur selben Zeit eine Veranstaltung über die Zerstörung des tropischen Regenwalds statt.

Die Innu wirken enttäuscht und müde. Am liebsten möchten sie sich jetzt auch ins Bonner Altstadtgetümmel stürzen. Doch schließlich sind sie bereit, auch einem einzelnen zu berichten. In einer nahe gelegenen Wohnung versammeln sich alle um einen langen Tisch. Zwölf steinerne Gesichter. Acht Männer, zwei Frauen, zwei Kinder. Dunkle Haut, tiefschwarze, nach hinten gebundene Haare. Die Frauen tragen bodenlange, reichverzierte Kleider. Ihr Sprecher heißt Penote B. Michel. Er entrollt eine große Landkarte. "Unser Land heißt Nitassinan", sagt Penote, an dessen dunklen Tweed-Jackett ein Button mit der Aufschrift steckt: "Ostermarsch Rheinland". Nitassinan liegt auf der kanadischen Halbinsel Labrador; ein Teil gehört zur Provinz Quebec, der andere zur Provinz Neufundland. Aber diese Bezeichnungen und Einteilungen lehnen die Innu ab. Sie empfinden sie als willkürliche Teilung ihres Landes. Sein Volk fühle sich vom "kanadischen System" unterdrückt, sagt Penote auf englisch. Das hat Guy Bellefleur nicht verstanden, ein schwergewichtiger Mann, der lässig in seinem Sessel lehnt und unablässig Kaugummi kaut. Die anderen nennen ihn "Chef". Auch er trägt ein Button: "Deutsche Friedensgesellschaft / Vereinigte Kriegsdienstgegner". Guy spricht außer Innu nur Französisch. Ein Dolmetscher übersetzt ihm, was Penote gesagt hat, der aus einem anderen Teil Nitassinans stammt und deswegen Englisch als Zweitsprache lernte. "Wir sind nie besiegt worden", sagt Penote, "auch einen Vertrag hat man nie mit uns geschlossen, und doch gehört uns unser Land nicht mehr, sind wir Fremde im eigenen Land." Guy nickt, zeitversetzt, Zustimmung.

In vier Reservaten leben die rund 10 000 Innu heute. Doch dort hält es sie nicht, sagt Penote. Wie vor tausend Jahren leben sie vom Jagen und Sammeln. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, brechen sie auf in den Busch. Auf diesen Wanderungen lehren sie ihre Kinder das Jagen und Fallenstellen, das Herstellen von Schneeschuhen und die alten Bräuche. Ohne diese Streifzüge würde die Innu-Kultur bald aussterben.

Vor neun Jahren donnerte, ohne Vorwarnung, der erste Tiefflieger über dieses Idyll hinweg. Seitdem proben die bundesdeutsche, britische, niederländische und kanadische Luftwaffe über dem Land der Innu den "einsatznahen Tiefflug". Dabei fliegen die Maschinen tiefer als hierzulande. In Baumwipfelhöhe, etwa 30 Meter, kommen sie daher, mit Geschwindigkeiten zwischen 700 und 1000 Stundenkilometern. Manche fliegen auch, mit Sondergenehmigung, in nur fünfzehn Meter Höhe über die Innu hinweg. Dann können sie sogar die Gesichter der Piloten erkennen.

Die Innu fürchten, daß die militärischen Übungen zu ihrer "Ausrottung als Volk" führen, wie sie in einer dramatischen Resolution an über achtzig Institutionen geschrieben haben. Die Wildbestände, klagen sie, hätten sich in den vergangenen Jahren drastisch reduziert. Die Wasservögel seien verschwunden und auch die Herden der Karibus – nordamerikanische Rentiere, die wichtigsten Fleischlieferanten der Innu. "Wir haben früher in jedem Jahr etwa 300 Karibus erlegt, nicht mehr, damit die Herde sich wieder erneuern konnte", Sagt Guy Bellefleur. "Im letzten Jahr keinen einzigen." Käme ein Tiefflieger, gerieten die Tiere in Panik. In wilder Flucht würden sie auseinanderrennen und nicht wieder zurückkehren.

Viele merkwürdige Dinge, sagt Guy, hätten sie beobachtet, seit die Tiefflieger ihr Land erschüttern. Wasservögel würden ihre Brutstätten aufgeben, die unausgebrüteten Eier fänden sich dann am Strand. Nerze und Füchse würden ihren Nachwuchs auffressen. Die Biber würden weniger. Schneehühner würden ohne sichtbaren Grund sterben. Fische trieben tot an Land.