Von Dieter Buhl

Obwohl die Bilder vom Aufbegehren in der DDR inzwischen zum Fernsehalltag gehören, verlieren sie nichts von ihrer Faszination. So viel Mut im Angesicht eines so lange allmächtigen und immer noch allgegenwärtigen Regimes erheischt Bewunderung. Dieses unverhohlene Verlangen nach Freiheit und Gerechtigkeit verschlägt einem Publikum in aller Welt den Atem. Deutsche in tyrannos zählen nun einmal nicht zu den historischen Selbstverständlichkeiten. Aber die Demonstranten in den ostdeutschen Städten widerlegen uralte Erfahrungen und nicht zuletzt Lenins hämisches Wort – sie kaufen eben keine Bahnsteigkarte, bevor sie der Staatsmacht in aller Öffentlichkeit ihren Zorn entgegenschleudern.

Der Anblick der Landsleute im Streit mit der Obrigkeit mag manchen Bundesbürger mit Stolz erfüllen; andere wird der Protest beschämen, weil er sie zu deutlich an ihr eigenes Wohlleben erinnert. Alles überlagert jedoch die Frage, wohin der Aufbruch führen wird, ob er die geforderten Reformen bewirken kann. Die SED, die auf ihrem Machtanspruch beharrt, und das Volk, dem der Geduldsfaden reißt, stehen in einem gefährlichen Duell. Sein Ausgang entscheidet nicht allein über das Schicksal der DDR. Die Entwicklung jenseits von Mauer und Stacheldraht bestimmt auch die Zukunft des Reformprozesses anderswo. Denn eines läßt sich vorhersagen: Wenn der SED-Staat die Wende zum Besseren nicht schafft, wird das auch weiter östlich Bremswirkung haben.

"Alles hängt von den Deutschen ab", behauptete vor ein paar Tagen der ZK-Sprecher der sowjetischen KP. Sein Diktum bezog sich nicht bloß auf die Möglichkeit einer Wiedervereinigung. Es betraf auch das Management des Wandels in der DDR. Bonn hätte des Hinweises nicht bedurft. Die Bundesregierung und die Parteien wissen längst, daß sie nicht im Zuschauersessel sitzen. Auch die Erkenntnis, letztlich allein mit dem Umbruch im anderen Teil Deutschlands fertig werden zu müssen, ist am Rhein inzwischen Allgemeingut. Von den westlichen Alliierten steht nur wenig Rat in Aussicht. Die Briten sind mit sich selbst und der Thatcher-Dämmerung beschäftigt; Amerika reagiert mit wohlwollender Gleichgültigkeit, und die deutsch-französische Zusammenarbeit hat bisher keine Anregungen für die Bewältigung des drängender werdenden DDR-Problems erbracht.

Bonn muß einen delikaten Solopart spielen und agiert dementsprechend vorsichtig. Deshalb geht auch der Vorwurf rechter Kommentatoren ins Leere, den Linken, die zu Chile oder Nicaragua stets etwas zu sagen hätten, habe die Bewegung in Ostdeutschland die Sprache verschlagen. Bei ihren Reaktionen auf die vorrevolutionäre Situation in der DDR bewegen sich die Politiker aller Parteien auf Zehenspitzen. Und sie tun gut daran, denn dies ist nicht die Zeit für markige Worte. Schon gar nicht sind gesamtdeutsche Deklamationen gefragt, die das Klima drüben weiter anheizen könnten.

Auch wer von Bonn jetzt den umfassenden Plan für den künftigen Umgang der beiden Deutschlands verlangt, verkennt die Schwierigkeiten der Lage. So lange drüben alles im Fluß ist, wäre jedes grand design schon vor der Niederschrift Makulatur. Zunächst einmal muß die SED-Führung die Bereitschaft zeigen, ihr eigenes Haus in eine freiheitliche, menschenwürdige Ordnung zu bringen. Die Bundesrepublik kann nur helfen, wo sich guter Wille zeigt, und honorieren, was den DDR-Bürgern ihr Joch erleichtert.

Dabei den richtigen Ton zu finden und das Entgegenkommen angemessen zu dosieren ist schon schwer genug. Rechthaberei der Bundesregierung nützte ebensowenig wie Anbiederung, Buchhalterdenken wäre ebenso fehl am Platz wie Spendiersucht. Nötig bleibt vielmehr die Erkenntnis, daß die westdeutsche Politik Reformen in der DDR nicht erzwingen kann. Sie kann nur wichtige Geburtshilfe leisten.