Von Helmut Schödel

Drei Jahre Oberspielleiter in Anklam – das klingt nach Verbannung. Napoleon auf Korsika, Sacharow in Gorki und der Regisseur Frank Castorf in jenem Städtchen, das ich in meinem Atlas irgendwo zwischen Berlin und Ostsee, genauer: zwischen Ückermünde und Greifswald finde. Wäre die Erde eine Scheibe, von Anklam aus könnte man sich ins Weltall stürzen. Und wer weiß schon, wie die Welt von Anklam her aussieht! Christus kam nur bis Eboli, Galilei vielleicht nur bis Ückermünde.

Aber sagen Sie nichts gegen Anklam! Von dorther kommt (über Karl-Marx-Stadt, Halle und Ost-Berlin) der neue Regiestar des deutschsprachigen Theaters: Frank Castorf, Jahrgang 1951. Seine Lieblingsschauspielerin, die in fast allen seinen Inszenierungen auftritt, heißt Silvia Rieger. Auch sie war in Anklam, ist zur Exzentrizität begabt und vielleicht eine Art Magdalena Montezuma der DDR-Provinz. Sie hat oft ein seltsam wildes Gesicht und wäre in Indianerfilmen als Tochter des Häuptlings glänzend besetzt. Besonders beim Schlußapplaus wirkt sie jedesmal auffallend ungebärdig: Den Körper nach vorn gebeugt, den Mund weit aufgerissen, hüpft sie, lacht, winkt, grimassiert. Vielleicht ist sie – lange vor Anklam – mit den Amazonen auf wilden Pferden durch ferne Steppen geritten. Jetzt spielt sie, wie vom Furor getrieben, in Köln, Basel, München und Ost-Berlin, überall dort, wo Castorf inszeniert hat: eine Frau unter Einfluß.

Frank Castorf gilt als Stückezertrümmerer, als Enfant terrible des DDR-Theaters, als ein Wüterich aus der Provinz. Seine Inszenierungen sind Wühltische des Regietheaters, vielleicht eine Art Winterschlußverkauf.

Dieser Regisseur ist nicht wählerisch, ein hochbegabter Trödler. Ein Socken von Peter Zadek, eine Locke von George Tabori, eine Haarnadel von Pina Bausch – er kann alles brauchen. Bei seinen Inszenierungen erinnern wir uns sogar an das "Arme Theater" des Klaus Schiene, den "Landshuter Stil", gerühmt und vergessen vor mehr als einem Jahrzehnt.

Frank Castorfs und Silvia Riegers Aufstieg von Anklam in die ersten Häuser ist eine wunderbar schräge Geschichte: Zwei Etappenhasen spielen Theaterkrieg, persiflieren und forcieren, zerstückeln und zerlachen, übertreiben und verhunzen, was sie vorfinden. Diese Theaterabende knattern wie Trabis, sind Sprengstoff an der Gartenlaube. 1989 wird das Jahr des Wühlers gewesen sein.

Wenn Castorf etwas haßt, dann sind es Dichterfürsten, Bonzen, Helden – und tugendsame Fräuleins wie Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, Luise Millerin oder diese Sara Sampson. Trotzdem hat er jetzt im Münchner Prinzregententheater Lessings bürgerliches Trauerspiel "Miss Sara Sampson" inszeniert.