Von Gabriele Venzky

Vor dem Parteibüro unter dem verwaschenen Sonnensymbol der Hindus, das einst auch den Nazis als Vorlage für ihr Hakenkreuz diente, steht ein sorgfältig aufgetürmter Stapel roter Backsteine. Jeder Stein trägt die Inschrift Sri Ram – Herrgott Ram. Überall in Indien sind in diesen Tagen viele solcher Stapel vor vielen solchen Parteibüros aufgeschichtet, oder sie werden quer durchs Land transportiert, manchmal Tausende von Meilen. Girlanden, Blumen und safranfarbene Fahnen bedecken die Wagen dieser seltsamen Prozessionen. Begleitet werden sie von ausgemergelten heiligen Aschemännern, von stillen, ebenfalls safranfarben gekleideten Sadhus und von fanatisch brüllenden jungen Kerlen, die schreien: „Hindus erwachet, Hindustan den Hindus!“

An die 200 000 solcher Züge sind im Lande unterwegs. In 400 000 Dörfern, Städten und Gemeinden Indiens sind jeweils fünf solcher Backsteine gesammelt worden, insgesamt zwei Millionen Stück. Ziel der Prozessionen ist Ayodhya, ein kleiner Ort im Bundesstaat Uttar Pradesh, eine der sieben heiligen Stätten des Hinduismus und jedem Hindu aus dem epischen „Ramajana“ als Geburtsstätte des Gottes Rama bekannt. Dort steht seit dem Jahr 1528 eine mittlerweile verkommene Moschee, gebaut von den damaligen neuen Herrschern in Indien, von dem Moghul-Kaiser Babar, Babris Masjid.

Bis vor drei Jahren noch hatte kaum jemand etwas von diesem Bauwerk gehört, zumal es wegen ständiger Streitereien um seinen Besitz seit den Zeiten Nehrus fest verschlossen war. Aber dann ordnete ein Richter, der nicht wußte, was er tat, die Öffnung des Baus an, und seitdem schlagen sich, wie schon Hunderte Male zuvor, Hindus und Moslems aufs neue darüber die Köpfe ein. Denn, so sagen die Hindus, dieser Platz, den sie Ram Janambhoomi nennen, gehört uns, weil er der Geburtsplatz Ramas ist.

Bliebe es bei ein paar eingeschlagenen Schädeln, wäre das so aufsehenerregend nicht, denn das ist indischer Alltag. Aber einhergehend mit dem Niedergang der unter Rajiv Gandhi regierenden Congress-Partei ist ein Aufstieg verschiedener Hindu-Organisationen zu beobachten, deren Schattierung von chauvinistisch bis unverhüllt faschistisch reicht und die geschickt das entstandene politische Vakuum für sich nutzen. Eine der militantesten dieser Gruppen, die Vishwa Hindu Parishad (VHP – „Weltweite Sammelbewegung der Hindus“), hat dazu aufgerufen, die Moschee von Ayodhya niederzureißen und gleich daneben mit den zwei Millionen bisher gesammelten Steinen den schönsten und größten Rama-Tempel der Welt zu bauen. Grundsteinlegung soll am 9. November sein, mitten im indischen Wahlkampf. Einige der fanatisierten Ramshila-Organisatoren haben bereits angekündigt, Ayodhya werde sich an diesem Tag in ein Schlachtfeld verwandeln.

Einen Vorgeschmack auf Kommendes haben die Fanatiker bereits geliefert: In vielen Orten, durch die ihre Stein-Prozessionen kamen und in denen es noch nie Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslims gegeben hatte, brach nun das Morden und Brandschatzen aus. Kota, Badaun, Bagalpur, Sasaram, Palanpur, Mhow, Kheralu sind nur ein paar Namen. Hier wurden die Menschen zu Dutzenden erschlagen, erstochen, erschossen, ganze Straßenzüge gingen in Flammen auf, tagelange Ausgangssperren mußten verhängt werden. „Jeden Tag verfolgt die Nation mit wachsendem kalten Entsetzen, wie der Blutrausch sich dieses Landes bemächtigt. Es ist ein nicht mehr aufzuhaltender Wahnsinn“, schreibt das politische Magazin India Today und stellt fest: „Das Land geht durch eine der gewalttätigsten Perioden seiner Geschichte.“

Fast sieht es so aus, als werde weder der Korruptionsskandal um den schwedischen Rüstungskonzern Bofors noch die steigenden Preise, noch die ungeheure Arbeitslosigkeit den Ausgang der Parlamentswahl im November entscheiden, wie bisher angenommen wurde. Es scheint vielmehr, als werde die Zukunft Indiens durch einen erstarkenden Faschismus bestimmt. Zu den Frontorganisationen dieser militanten Hindu-Organisationen gehört neben der VHP die Shiv Sena, die „Armee Shivajis“, deren Chef Balasaheb Thackeray kein Hehl aus seiner Bewunderung für Hitler macht und der erklärt: „Unser Vorbild ist das Deutschland und das Japan von damals.“ Während Shiv Sena und VHP vor allem an die Emotionen der Jungen, der Arbeitslosen und der Armen appellieren, wendet sich die renommierte Bharatiya Janata Party (BJP), die Indische Volkspartei, an die Etablierten, die Frommen, die Nationalisten. „Sei stolz darauf, ein Hindu zu sein“, lautet ihr verführerischer Slogan.