Raymond Chandler, Schöpfer des unsterblichen Privatdetektivs Philip Marlowe, hat zeit seines langen und erfolgreichen Schriftstellerlebens darunter gelitten, daß das Genre, das Chandler wie kein anderer von Klischee- und Kolportage-Elementen befreite, von der Literaturkritik als minderwertig behandelt wurde: Das Etikett „Krimi“ war identisch mit Kolportage. Chandler, davon besessen, „das Leben (zu) beschreiben, wie es wirklich vor sich geht“, war überzeugt: „Wenn ein Buch, gleich welchen Genres, eine gewisse Intensität der künstlerischen Darstellung erreicht, wird es Literatur.“

In seiner vorzüglichen Bildmonographie „Raymond Chandler“ (rororo rm 377; 10,80 DM) weist Thomas Degering darauf hin, daß Chandler „die Kriminalstory (unter der Bedingung ihrer künstlerischen Substantialität) nicht zum sich selbst genügenden Zweck erklärt, sondern zum Mittel prononcierter Erfassung gesellschaftlicher Realität“. Wenn nämlich die Wirklichkeit in hohem Maße mit krimineller Energie geladen ist, dann bietet der „Kriminal-Roman ihr eine angemessene literarische Heimat“. Die von der Kritik an Chandler herangetragene Forderung, „Gesellschaftsromane“ statt Krimis zu schreiben, hat der Autor in und mit seinen Werken dadurch beantwortet, „daß der Kriminalroman der Roman der Gesellschaft ist“.

Ganz ähnlich hat der englische Romancier Julian Barnes („Flauberts Papagei“) in einem Interview die Tatsache begründet, daß er unter Pseudonym Kriminalromane schreibt: Das Genre biete Gelegenheit, Gesellschaftsbereiche auszuloten, die sonst nur schwer darstellbar seien – und zwar in einer quasi „schmuddeligen“ Sprache, die normalerweise keine ästhetische Relevanz habe. Und so schreibt Barnes als Dan Kavanagh Geschichten um den „Schnüffler“ Duffy: Dessen zweiter Fall, „Vor die Hunde gehen“ (Haffmans TB 1036; 10, – DM), liegt jetzt vor.

Eine schmuddelige Geschichte um eine peinlich absurde, politische Erpressung erzählt auch Bernd Eilert in seinem Kriminalroman „Eingebildete Notwehr“ (Haffmans TB 1042; Erstausgabe 1981, 10,– DM). Dem Satiriker Eilert („Das Hausbuch der literarischen Hochkomik“) ist es gelungen, seinen unprätentiös erzählten Roman mit hintergründiger Spannung und sparsam dosierten Satire-Elementen auf ein Niveau zu heben, das – zumindest im Bereich des Kriminalgenres – ganz selten ist (und sich durchaus mit Barnes/Kavanagh messen kann).

Ironisch bis satirisch, spielerisch bis salopp, zugleich aber realistisch, sind die Pariser Krimis Leo Malets. „Bilder bluten nicht“ (rororo 12592; deutsche EA 1988, 7,80 DM) und „Stoff für viele Leichen“ (rororo 12593; dt. EA 1985, 7,80 DM) sind durchaus „Gesellschaftsromane“, weil Malets Detektiv Nestor Burma bewußt die touristischen Pflichtstationen meidet und den Leser in Seitenstraßen, Passagen und Hinterhöfe führt, in denen immer noch der Surrealismus lebendig ist. Malet zeigt „das wirkliche Paris: das Paris der kleinen und großen Gauner, der kleinen und großen Bürger: hier, wo Paris stöhnt, knurrt und stinkt.“

„Sämtliche Kriminalromane und Kriminalgeschichten“ des Schweizers Friedrich Glauser (Arche; 7 Bände in Kassette, 48,– DM) handeln „von Zu-kurz-Gekommenen“: „Sein Engagement für die Kleinen, für die sozial Schwachen und Ohnmächtigen ist getragen von klarer Solidarität. Er bemüht sich um Verständnis für ihr Handeln, auch wenn sie im Unrecht sind. Glauser zeigt uns ganz simpel, daß der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist, sondern Umstände und Verhältnisse den Menschen schlecht machen. Das zeigt er subtil, dialektisch, einfach und damit auch verständlich.“ So Kurt Gloor, der Glausers Roman „Der Chinese“ verfilmte. Auch der Diogenes-Verlag hat eine Glauser-Kassette auf den Markt geworfen (Verleger Keel: „Es sieht schon blöd aus, aber wenn die Rechte frei werden, ist das ein normaler Vorgang“), doch würde ich der Arche-Edition unbedingt den Vorzug geben – nicht zuletzt wegen der informativen, editorischen Arbeit Frank Göhres. Göhre zählt selbst zu den renommiertesten, jüngeren Krimi-Autoren; und auch seine Bücher sind gesellschaftliche Fallstudien: „Der Tod des Samurai“ (rororo 2832; 7,80 DM) basiert auf empirischen Recherchen im Hamburger Unter-, Halbwelt- und Polizeimilieu, deren Exaktheit auch manchem „Gesellschaftsroman“ gut zu Gesicht stünde.

Mit seinen „Pater Brown Geschichten“ (Insel tb 1149; dt EA 1975, 18,– DM) hat G.K. Chesterton die Gattung der Detektivstory nachhaltig belebt. Chestertons freundlich-gemütlicher Priester bleibt bei der Aufklärung niederträchtigster Untaten stets Seelsorger. Seine Haltung gegenüber dem Verbrechen ist moralisch; darin besteht eine Verwandtschaft zu Glausers Wachtmeister Studer. Diese Haltung trennt Pater Brown jedoch von jenen Detektiv-Gestalten, die das Rätsel, ja die Kunst des Verbrechens interessiert, nicht das Schicksal der Täter.