Von Wolfgang Hoffmann

Seit über einem Jahrzehnt bemüht sich der Deutsche Bundestag um eine parlamentarische Instanz zur Abschätzung der Folgen neuer Techniken. Das Parlament möchte sich rechtzeitig vor der Zulassung etwa der Gentechnologie Gewißheit über die möglichen ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen verschaffen. Doch trotz der ebenso langen wie intensiven Diskussion haben die Parlamentarier das Problem offenbar noch immer nicht richtig erkannt. Kürzlich nämlich hat der Bundestagsausschuß für Forschung und Technologie einen hochbrisanten Untersuchungsbericht (Bundestagsdrucksache 11 / 4607) verabschiedet, ohne über den Inhalt auch nur ein Wort zu verlieren.

Dabei hat es der Report in sich und wäre eine gründliche Aussprache wert gewesen. Thema der Untersuchungsarbeit, die von der Parlamentarischen Enquete-Kommission "Gestaltung der technischen Entwicklung, Technologiefolgenabschätzung und -bewertung" vorgelegt wurde, ist ein gentechnologisch hergestelltes Rinderwachstumshormon. In der Fachsprache heißt es "rekombiniertes Bovines Somatropen" und hat die Kurzformel rBST. Die Wirkung auf Milchkühe ist nachgerade phantastisch: Es steigert die Milchleistung um fast 65 Prozent. Das rBST-behandelte Tier hat auch schon einen Namen – Turbokuh.

Doch ob in Deutschlands Ställen jemals Turbokühe stehen dürfen, hängt davon ab, ob die Politiker das neue Hormon zur Anwendung freigeben. Für diese Zulassungs-Entscheidung wiederum müssen positive und negative Folgen des rBST-Einsatzes genügend ausgelotet sein. Nach Auffassung der Industrie wie der Wissenschaft bestehen keine Bedenken gegen das Hormon; weder Mensch noch Tier könnten Schaden nehmen.

Die Enquete-Kommission beim Deutschen Bundestag ist sich da gar nicht sicher. Sie hat bei ihrer fast zweijährigen Untersuchung der möglichen Folgen allerlei Ungereimtheiten ermittelt. Noch ist beispielsweise das Fruchtbarkeitsverhalten von behandelten Rindern völlig unklar. Auch die Folgen für die Tiergesundheit sind ungenügend bekannt. "Weiterhin gibt es eine Reihe von Indizien dafür, daß rBST die Kühe näher an die Schwelle zum Krankheitsausbruch führt."

Bei den ungeklärten Fragen handelt es sich um grundsätzliche Probleme, die vor der Zulassung eines neuen Präparates geklärt sein müßten. Die Kommission wundert sich denn auch über so viele Unklarheiten, und das aus gutem Grund: "Ein Mangel an solchen Grundsatzinformationen wäre nicht weiter verwunderlich, wenn die Forschung zum Thema rBST an den Universitäten einen insgesamt geringen Stellenwert gehabt hätte. Weil aber selten über ein Produkt vor seiner Markteinführung so umfangreich und an so vielen Universitäten geforscht wurde wie über rBST, muß das Mißverhältnis zwischen Informationsnachfrage der Öffentlichkeit und Informationsangebot der Wissenschaft besonders überraschen."

Als die Parlamentarier Ursachenforschung betrieben, gerieten sie an einen wunden Punkt der Wissenschaft, der Anlaß mehr dafür hätte sein müssen, sich gerade im Forschungsausschuß des Bundestages intensiv mit dem Hormonbericht zu befassen. Auf einen kurzen Nenner gebracht, lautet das Ergebnis: Die Wissenschaft ist längst nicht so frei, wie stets behauptet wird.