In vielen Fallen ist der Held nur eine andere Art Mörder. Die Volker lernen begreifen, daß die Vergrößerung einer Missetat sie nicht vermindert und daß darum, weil Töten ein Verbrechen ist, der Massenmord kein mildernder Umstand sein kann ... Daß ein Tedeum nichts daran ändert, daß ein Morder ein Morder und vergossenes Blut vergossenes Blut ist. Daß es zu nichts gut ist, sich Casar oder Napoleon zu nennen, und daß man in den Augen des ewigen Gottes das Gesicht des Morders nicht ändert, weil man ihm anstatt einer Straflingsmutze eine Krone auf den Kopf setzt. Bekennen wir uns zu den ewigen Wahrheiten: Entehren wir den Krieg!

Victor Hugo,

Rede zum 100. Todestag Voltaires, 1878.

Das möchte man eigentlich für einen diffamierungsfesten Standpunkt halten. So etwa, sollte man meinen, beglaubigt sich auch der hohe Ton eines Pathos, das dem moralischen Gewicht seines Gegenstands so angemessen ist wie der geistigen Statur seines Urhebers. Und dem Ernst des Anliegens möchte man die Wirkung eines nachdenklichen Echos selbst dort zutrauen, wo die Gestalten der Kulturgeschichte gern als Ornamente für Festansprachen verwendet und im übrigen ignoriert werden.

Man sollte nicht. Denn die Rede ist, man rate, von der Sphäre der sogenannten Realpolitik: Leicht beieinander wohnen die Gedankenlosigkeiten, und hart stoßen sich die Sachen in sämtlichen Räumen von Logik und Moral.

Die mündliche Begründung des sogenannten „Soldatenurteils“ von Frankfurt stand am vergangenen Samstag in der Frankfurter Rundschau: ein lehrbuchreifes Beispiel juristischer Argumentation – umfassend, sachlich, ausgewogen, zwingend. Bizarr muten auf diesem Hintergrund die Aufschreie der Leitartikler in Welt, FAZ und sonstwo an. „Das Fehlurteil“, da mögen die Revisionsinstanzen Fromme und v. Loewenstern ganz beruhigt sein, ist keines. Nur mit dem „Skandal“ haben sie, oder sagen wir, geben sie sich recht. Peinlich ist dieses Schauspiel eines durch Schlagzeilen und Kommentare tobenden juristischen Dilettantismus, der verbindliche Rechtsauffassungen für einen Sachverhalt festlegt, über den er sich durch Agenturberichte und die eigene Weltanschauung hinreichend informiert glaubt. Beklemmend das Panoptikum von Politikern, die die Rechtsordnung, auf die sie vereidigt sind, immer dort für disponibel halten, wo sie der Parteigesinnung im Weg ist. Eine „Änderung des strafrechtlichen Ehrenschutzes“ fordern jetzt vor allem diejenigen, die im gleichen Atemzug das Frankfurter Gericht mit dem maßlosen Anwurf der „Rechtsbeugung“, also eines Verbrechens, überziehen, weil es die Rechtsbeugung, die man offenbar von ihm erwartete, verweigert hat. Im übrigen steht der Sieger im laufenden Wettbewerb des Unfaßbaren einigermaßen fest: „Dieses Urteil“, sagte der Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag, „erinnert an Urteile, die damals zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen haben.“ Das wird vermutlich nicht zum Untergang des Herrn Dregger beitragen. Man dürfte ihm aber mit der Annahme, sein Spruch verdanke sich einem Anfall von Besinnungslosigkeit, einen größeren Gefallen erweisen als mit der, er glaube wirklich, was er da gesagt hat.

Treten wir einen Schritt zurück. Der wahre Skandal dieses „Soldatenurteils“ sind seine öffentlichen Konsequenzen. Atemberaubend ist die Geschwindigkeit, mit der sich hier, just zur Vierzig-Jahr-Feier der Republik, das Renommee einer sogenannten „gefestigten Substanz“ demokratischer Verkehrsformen enthüllt: als Phrase. Die Vorstellung, in Amerika und selbst im England Margaret Thatchers könnte es wegen der Äußerung, Soldaten seien potentielle Mörder, auch nur zur öffentlichen Anklage kommen, ist schwer zu bilden. Zwei Jahrhunderte seit der Französischen Revolution, fast ein halbes seit dem Sturz des Nationalsozialismus, Mondlandungen, Mikroprozessoren, die Entdeckung des genetischen Codes und des Michail Gorbatschow – all das hat hierzulande der Politik noch nicht zu ihrer notwendigen Säkularisierung verholfen. Die jetzt entfesselte Wut wird von der Behauptung ihres Eintretens für „unsere schutzlosen Soldaten“ nicht halbwegs plausibel gemacht. Das ist ein altes Lied, zu singen auf den Refrain „Von der Antiquiertheit politischer Dramaturgie im Atomzeitalter“: Stets werden in solchen Debatten die öffentlichen Schmerzgrenzen dann überschritten, wenn nicht so sehr Personen, sondern mit und hinter ihnen die Symbole der Staatsraison angetastet werden.