Von Gerhard Spörl

Nächste Woche fährt Helmut Kohl nach Polen. Das ist, nach seiner eigenen Einschätzung, seine schwierigste Auslandsreise. Die Vorbereitungen gerieten zermürbend. Das Materielle – Kredite, Bürgschaften, Umschuldung – ist weitgehend bereinigt. Im Politischen hat man sich zusammengerauft. In ihrer Interpretation helfen die Deutschen den Polen auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft und ebnen die Rückkehr nach Europa. Die Polen legen ihrerseits großen Wert darauf, daß eine konservativ geführte Bundesregierung den Warschauer Vertrag von 1970 gleichsam ein zweites Mal unterschreibt und damit die Oder-Neiße-Grenze anerkennt. Ende gut, alles gut?

Bleibt die Suche nach einer symbolischen Handlung, die den Besuch sinnfällig abrundet, nach einem Symbol, das die Versöhnung veranschaulicht, die sich Gastgeber und Gast erhoffen. Alfred Dregger warb vergeblich für seine Vision à la Verdun: Der Kanzler und der Ministerpräsident reichen einander brüderlich die Hände über der Westerplatte. Dann meldete Kohl den Wunsch an, im Sejm eine Rede an die Polen zu halten. Und außerdem trug er das Ansinnen vor, zu einem Abstecher auf den Annaberg zu fahren, hinauf zur barocken Wallfahrtskirche mit ihren vierzig Kaivarienkapellen und dem Franziskanerkloster.

Mittlerweile stellt sich die Frage, wer auf diesen Einfall kam, worin die tiefere Symbolik liegen soll und ob die Wallfahrt gefährdet, was die Reise insgesamt bezweckt: die deutsch-polnische Versöhnung.

Der Annaberg ist ein Wahrzeichen des Katholizismus in Oberschlesien. Aber er ist zugleich auch ein Symbol für Krieg und Feindschaft zwischen Deutschen und Polen.

Der polnische Staat entstand nach dem Ersten Weltkrieg neu; 125 Jahre lang hatten die Polen darauf warten müssen. Wie groß er werden würde, wo seine Grenzen im Westen liegen sollten, ließ der Versailler Vertrag offen. Die Polen verlegten sich auf Faits accomplis. Sie entfesselten im August 1919 den „Ersten Schlesischen Aufstand“; er schlug fehl. Eine Interalliierte Kommission übernahm die Regierungsgewalt. In Kattowitz und Beuthen brach der zweite Aufstand aus und wurde erstickt. Schließlich fand eine Volksabstimmung statt: In 664 Gemeinden ergab sich eine deutsche, in 597 Gemeinden eine polnische Mehrheit. Oberschlesien wurde geteilt.

Nationale Zugehörigkeit als Ordnungsprinzip: In Oberschlesien war es kaum anwendbar. Von jeher lebten dort Deutsche, Polen und Tschechen nebeneinander und ungetrennt. Ihre jeweilige Sprache bildeten sie zu einem eigenen Idiom aus; wer hier aufwuchs, fühlte sich zuallererst als Oberschlesier.