Von Fritz J. Raddatz

Bucharin, von Lenin geradezu verehrt, war einer der herausragenden Köpfe der sowjetischen Revolution. In wechselvoller Abfolge hatte er so bedeutende Funktionen wie Redakteur der Prawda, Mitglied des Politbüros, Vorsitzender des Politbüros, Vorsitzender der Komintern; als er – nach dem Prozeß gegen Radek und Sinowjew – in seiner Kreml-Wohnung verhaftet wurde, hatte man gerade seinen Namen als Chefredakteur im Impressum der Iswestija gelöscht. Er wurde – wie wie viele Millionen? – von Stalin ermordet.

Von Stalin? Dieses Buch, erschütterndes Zeugnis zweier Jahrzehnte in den grauenhaftesten Lagern, durch die man Bucharins junge Frau gezerrt hat, hungernd, frierend, krank, ohne Kleidung, eine zwanzig Jahre währende Hölle – dieses stellenweise kaum zu ertragende Buch gibt gleichwohl keine Antwort auf diese Frage. Es nennt zwar Stalin "Tyrann und Sadist, der die Leninsche Garde und Millionen Unschuldiger umbringt" – aber Anna Larina Bucharina weigert sich ganz offensichtlich (übrigens auch auf ihrer Pressekonferenz während der Frankfurter Buchmesse), über die grundsätzliche Frage nachzudenken: Dieses Unrechts- und Foltersystem muß ja Hunderttausende von Folterern, Gefängnisbarbaren, Schlägern gehabt haben? Gehabt – und produziert haben? Eine gigantische Menschenzerstörungsapparatur namens Kommunismus, bedient von unzähligen Mitläufern, Mittätern. Wer waren die? Wo blieben sie? Wer macht denen den Prozeß?

Anna Larina Bucharina beschreibt dieses Inferno. Aber sie erklart es nicht. Man wagt es kaum hinzuschreiben, aber bei allem Entsetzen haben diese Memoiren auch etwas Blasses; gleichsam nach dem Brecht-Satz, eine Photographie der IG-Farben-Werke sagt nichts über die IG-Farben-Werke aus. Die Ursache, der innere Mechanismus wird nicht reflektiert. Ein einziger blutsaugerischer Tyrann hat eine ganze Nation zu Lügnern, Henkersknechten, Verrätern und Schergen gemacht?

So gibt das Buch Zeugnis, aber keine Auskunft. Zumal nicht über die bis heute unfaßliche Absurdität, daß sich alle Angeklagten dieser Stalin-Prozesse – auch Bucharin! – für schuldig erklärten, sich selber der abstrusesten Verschwörungen, Verbrechen bezichtigten. Wie geht das? "Nur" Gehirnwäsche? "Nur" Folter? Aber viele – Offiziere, höchste Funktionäre, hartgesottene Revolutionäre der ersten Stunde – waren "wohlauf"; und denunzierten gleichwohl den engsten Freund, Gefährten, Genossen – sich selber.

Sogar der "Fall Bucharin" bleibt letztlich unerklärt. Ein hochgebildeter Mann, ein hochmögender Funktionär, berühmt wie kaum einer im Lande, ein mit allen Wassern gewaschener Politiker – und als die Verdächtigungen (anfangs wie Schatten, dann wie eine Gewitterwand) sich nähern: weint er, weigert er sich, das Zimmer zu verlassen, zieht buchstäblich das Kissen über den Kopf, zitiert Lyrik oder schreibt ein Gedicht. Er kämpft nicht einen Moment. Er räumt ohne zu zögern den Iswestija- Schreibtisch, er "versteht nicht", er ist "fassungslos" oder "sehr erregt", kann sich "das Vorgefallene nicht erklären" oder verharrt "in völliger Verwirrung". Ein Mann, der die ganze Welt verändern wollte, kann angesichts des verräterischen Abfalls alter Weggefährten nur sagen: "Ich verstehe absolut nicht, was da los ist", und angesichts der drohenden eigenen Vernichtung nur mit einem Revolver spielen, der kaputt ist.

Zumindest eines biographisch-analytischen Nachworts hätte es bedurft. Aber der Verlag hat auf geradezu schamlose Weise die geringste Sorgfaltspflicht vernachlässigt – es gibt nicht einmal ein Namensverzeichnis. Im Text darf man raten, ob mit I.G. Erenburg vielleicht Ilja Ehrenburg gemeint ist; auch der "Kronschtadter Aufstand" liest sich apart. Dutzende von Namen – Jagoda, Karachan, Rykow, Krestinskij, Kamenew, Lunatscharskij – werden mit keiner Silbe, andere wahllos in ausführlichen Fußnoten erläutert. Herr Steidl ist gewiß ein mächtig gebildeter Mann und weiß genau, wer auf einem Photo ohne Unterschrift abgebildet ist und in welcher Beziehung die Damen Nadeshda Konstantinowna und Marija Iljinitschna zu Lenin standen; dann möge er das im stillen Kämmerlein lesen. Veröffentlicht er – dann hat das Publikum ein Anrecht auf wenigstens minimale Unterrichtung. Das Buch ist gedruckt, aber nicht verlegt.