Es gibt Dinge, die uns mit der Zeit ganz selbstverständlich erscheinen, polyglott wie wir sind. Schließlich haben wir eine fundierte Ausbildung als Weltbürger hinter uns und gelernt, daß Landestypisches durchaus auch fern der Produktionsstätten genießbar ist. Cool verspeisen wir inzwischen Hamburger in Florenz, Florentiner in Hamburg und Frankfurter Würste auf Mallorca. Längst haben wir begriffen, daß man Yorkshire-Terrier nach Bottrop und schottische Hochlandrinder in die Holsteinische Schweiz exportieren kann, verlieren nur noch selten die Fassung, wenn wir registrieren, daß der Mailänder Designerpulli gar nicht in Mailand, sondern in Hongkong gestrickt worden ist und der Speisezettel einer Pellwormer Inselkneipe original chinesische Glasnudeln aufweist.

Kein Problem mehr für uns, und bisweilen, wie etwa in bezug auf Frankfurter Würstchen oder schottische Hochlandrinder, mögen derlei Fremdeinsätze ja durchaus akzeptabel sein. Freilich: Oft genug geht’s daneben. Wie in folgendem Fall.

Wir hatten uns eben an den Gedanken gewöhnt, daß sich Gerüchten zufolge im Privatbesitz eines Bürgers der Freien und Hansestadt Hamburg eine echte venezianische Gondel befinden soll. Da erreicht uns diesbezüglich eine weitere Hiobsbotschaft. Sie kommt aus dem österreichischen Burgenland. Eine offensichtlich geschäftstüchtige Reedersfrau vom Neusiedler See hatte die uns eher zweifelhaft erscheinende Idee, einen Hauch von Venedig übers heimische Gewässer wehen zu lassen. Mit welchem Recht, so wird sie sich gefragt haben, sollen die Venezianer das Monopol auf Gondeln haben? Und kurzerhand griff die Dame zu, als ein Theaterverein zufällig ein solches Boot zum Verkauf anbot.

Nun ist es einigermaßen begreiflich, daß man selbst im Burgenland alles für die Touristen tun, ja selbst deren ausgefallenste Wünsche befriedigen möchte. Und natürlich verstehen wir, daß jeder, den es danach verlangt, die Chance bekommen muß, per Schiff auf dem Neusiedler See herumzugondeln. Aber, so fragen wir, hätte es da nicht auch ein schlichtes Ruderboot oder vielleicht ein überdachter Ausflugsdampfer mit Panoramafenstern getan?

Doch wie es scheint, ist für österreichische Feriengäste das Ungewöhnlichste gerade gut genug. Und so wird es vom nächsten Sommer an Scharen von Urlaubern möglich sein, mit einer venezianischen Gondel in einen österreichischen See zu stechen.

Trotzdem: Es wird am Neusiedler See niemals so sein wie auf dem Canal Grande. Weil es nämlich selbst der rührigen Reedersfrau leider nicht geglückt ist, einen Gondoliere aufzutreiben, noch nicht einmal einen österreichischen. Nicht, daß wir schadenfroh sind, ehrlich nicht, aber möchten Sie in einer Gondel sitzen, die von einem Elektromotor angetrieben wird?

Brigitte Wolter