Reformen in Polen

/ Von Hansjakob Stehle

Keine Spur von Selbstironie war im Spiel, als er das Bild von Don Quichotte, das er schon als Chefredakteur im Büro hängen hatte, auch als Regierungschef in sein Arbeitszimmer mitnahm – so wie die Ikone der Mutter Gottes von Tschenstochau. Es ist jedoch kein weltfremder Idealismus, mit dem sich Tadeusz Mazowiecki gegen Polens düstere, chaotische Wirklichkeit stemmt. Der 62jährige Premier, seit sechs Wochen Konkursverwalter eines gescheiterten Kommunismus, will sich immer nur selbst daran erinnern, daß Ideale nicht der Realität zum Opfer fallen dürfen.

Politik sei eben nicht ein Beruf wie jeder andere, schrieb er 1970 in einem Buch, in dem er seine philosophisch-religiös-politischen Essays unter dem Titel "Wegscheiden und Werte" zusammenfaßte. Für einen linken Katholiken wie Mazowiecki, der vom französischen Personalismus (Mounier) beeindruckt war und nicht glauben wollte, daß "die Hölle die anderen sind" (wie Sartre behauptete), waren Begriffe wie Dialog und Pluralismus im Staat, aber auch in der Kirche, keine bloß abstrakten Formeln. Er versuchte sich damit in Publizistik und Politik, zunächst bis 1955 in der umstrittenen "Pax-Bewegung", die dem Regime als Alibi einer "weltanschaulichen Vielgestaltigkeit" diente.

Mazowiecki kehrte ihr den Rücken, als er erkannte, wie seine Ideale mißbraucht wurden. "Unsere Annäherung an den Sozialismus ging von dessen moralischen Motiven aus, und eben diese wurden dann auch zum Bewertungsmaßstab dessen, was geschah", schrieb er 1968. Da saß er als Abgeordneter der katholischen Znak-Gruppe im Warschauer Parlament und bemühte sich, gemeinsam mit den Linkskatholiken, die sich um seine Zeitschrift Wiez (Das Band) versammelten, den immer wieder aufbrechenden Konflikt zwischen Regime und Nation, Kirche und Staat, aber auch Streitigkeiten im eigenen katholischen Lager auszugleichen und auszutragen. Denn, so schrieb er, "der Dialog ist kein Kompromiß, er vermindert nicht den Spannungsgrad der Kontroversen, aber er ist eine Methode des Zusammenlebens, ein Weg zur gegenseitigen Öffnung".

Mit dieser philosophischen Haltung, die ohne jede Demagogie, ohne rhetorische Überzeugungskünste nur auf sich selbst vertraut, hat Mazowiecki als engster Berater Lech Walesas still und zäh den Aufstieg der Solidarnosc zur Volksbewegung befordert, dann ihr Scheitern ertragen und schließlich ihre Wiederauferstehung vor Triumphausbruchen bewahrt. An dieser Gesprächsbereitschaft hielt er auch in den bittersten Stunden fest, als er im Dezember 1981 von rüden Geheimpolizisten ("bei Fluchtversuch werden Sie erschossen") ins Internierungslager nach Hinterpommern transportiert wurde und als er vom gleichen General, der damals das Kriegsrecht ausrief, zum Regierungschef ernannt wurde.

Und heute? "Ich mag Mazowiecki sehr, aber ich fürchte, er ist ein zu sanfter Mensch", sagt einer seiner alten kritischen Freunde, Stefan Kisielewski. "Hier braucht man einen antisozialistischen Diktator." Eben dies kann und will Mazowiecki nicht sein. Autoritäres war ihm sogar in seiner Kirche stets zuwider, so sehr er deren Autorität respektiert. Deshalb lag nahe, daß ihn die erste Auslandsreise als Regierungschef nach Rom zum polnischen Papst führte. Vor dem priesterlichen Freund konnte er sich – anders als sein Gefolge – den protokollarischen Kniefall ersparen; um so herzlicher klang es, als er dem Papst für all die Unterstützung in diesen Jahren dankte und versicherte, diese Begegnung sei nur "die Krönung eines Dialogs, dessen Ergebnisse wir heute sehen". Was er selbst dazu getan habe, entgegnete der Papst, sei Teil seiner "nicht nur patriotischen" Mission; und mit einem Unterton von Sorge und Skepsis fügte er hinzu: "Hoffen wir, daß es nicht mehr rückwärts geht..." Nicht der etwas verdutzte polnische Regierungschef, sondern sein Außenminister fuhr erregt dazwischen: "Das ist gar nicht mehr möglich ..."