Von Manfred Pohl

Im „Direktionskabinett“, einem halbdunklen „Berliner Zimmer“ eines nicht gerade repräsentativen Mietshauses in der Französischen Straße in Berlin, saßen sich am 9. April 1870 zwei Männer gegenüber, denen man gerade die Leitung einer neugegründeten Bank anvertraut hatte. Die Herren sahen sich an, und einer fragte den anderen: „Was machen wir nun? Haben Sie eigentlich eine Ahnung vom Bankgeschäft?“ Beide verneinten und brachen dann in ein erlösendes Lachen aus. Es war der Eröffnungstag der Deutschen Bank.

Einer der beiden neuen im Bankwesen noch unerfahrenen Vorstandsmitglieder war der dreißigjährige Gerichtsassessor Georg von Siemens – das Adelsprädikat erhielt er erst 1899 – ‚ der einige Tage später an einen Vetter schrieb: „Von dem amerikanischen und indischen Bankgeschäft verstehe ich zwar wenig; ich tue indessen sehr gelehrt, zucke ab und zu die Achseln, ziehe das Maul bis an die Ohren – wenn ich nämlich spöttisch lache – und schlage zu Hause heimlich das Konversationslexikon, das Fremdwörterbuch oder die Kunst, in 24 Stunden Bankier zu werden, auf, um nachzulesen, wenn ich ein mir unverständliches Wort hörte. Den Unterschied zwischen Brief und Geld habe ich denn auch schon annähernd erfaßt.“

Diesem mit viel Selbstironie betrachteten Beginn, der eigenwilligen Art, sich in eine neue Aufgabe „hineinzulesen“, folgten jedoch schon bald die ersten Erfolge. Als Siemens 1901 starb, hatte er nicht nur der Deutschen Bank im Inlands- und im Auslandsgeschäft ihre erste Struktur gegeben und sie an die Spitze der deutschen Banken geführt, sondern auch das deutsche Universalbankensystem entscheidend mitgeprägt.

Nach seiner juristischen Ausbildung war Georg von Siemens zunächst in Berlin und London für das Haus Siemens tätig. Er führte auch 1868 im Auftrage des Firmengründers Werner von Siemens, einem Vetter seines Vaters, in Persien außerordentlich geschickte und erfolgreiche Verhandlungen, die zur Errichtung der indo-europäischen Telegraphenlinie führten. Hier wurde der Privatbankier Adelbert Delbrück auf ihn aufmerksam, der in Berlin die Gründung einer Bank plante, die sich der Finanzierung des deutschen Außenhandels widmen sollte.

Siemens erkannte die Chance, die ihm geboten wurde, und trat im März 1870 in den Vorstand der Deutschen Bank ein. Er verlangte damals nur eine untergeordnete Stellung als eine Art Syndikus mit einem sehr mäßigen Gehalt: „Wenn Sie mich überhaupt nur nehmen wollen, als was ist mir ganz egal; ich will mir meinen Platz schon schaffen.“

Mit Entschlossenheit und Ehrgeiz begann Siemens seine Arbeit in dem neuen, kleinen Institut. An seiner Seite stand zunächst Wilhelm A. Platenius, ein Deutsch-Amerikaner, der als Rentier in Stuttgart lebte, zwar lange Zeit in New York in einer Bank gearbeitet hatte, aber vom deutschen Bankwesen wenig verstand und nach einigen Monaten seine Arbeit wieder aufgab. Im Herbst kam dann Hermann Wallich hinzu, der das überseeische Bankgeschäft in Paris gelernt und in Ostasien vielfältige Erfahrungen gesammelt hatte. Wallich, einige Jahre älter als Siemens, wurde der Lehrmeister seines Kollegen im Bankgeschäft. Sein ruhiges, abwägendes Naturell bewahrte Siemens mehrfach vor allzu riskanten Geschäften. Denn Siemens war der Dynamiker, der große Projekte konzipierte und rasch zupacken konnte. Wallich mußte oft den überschwenglichen Tatendrang seines Kollegen bremsen, während er andererseits von dessen neuen Ideen fasziniert wurde.