In Bayern lebt man gefährlich. Diesen Eindruck erweckte jedenfalls der vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) publizierte "Krebsatlas der Bundesrepublik Deutschland". Die Heidelberger Forscher hatten nämlich 1984 herausgefunden, daß die Magenkrebssterblichkeit bei Männern im Freistaat Bayern mit 28 5 auf 100 000 weitaus größer ist als in Hessen mit 19 6 auf 100 000.

Gewiß Grund zur Unruhe, denn Magenkrebs ist bei deutschen Männern immer noch die zweithäufigste Krebstodesursache. Da beruhigt es auch nicht, daß in Japan der Magenkrebs noch viermal häufiger vorkommt. Daß die Magenkrebssterblichkeit allgemein rückläufig ist, führen die Krebsforscher auf erste Erfolge von GesundheitskontroEen zurück. Sie bleiben uns allerdings den Beweis schuldig, mit welchen Maßnahmen denn dieser Erfolg erreicht wurde. Die langsame "Umstellung gesellschaftlicher Bedingungen" wird erwähnt, aber worin diese Umstellung besteht, wird nicht verraten. Weltweit sollen etwa 670 000 Neuerkrankungen an Magenkrebs auftreten, vornehmlich in Asien und Lateinamerika. Seltener in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten.

Daß krasse Ernährungsumstellung eine Rolle spielt, wird am Beispiel der in den USA lebenden Japaner deutlich. Sie erkranken viel seltener an Magenkrebs als ihre in der Heimat verbliebenen Landsleute. Im Hinblick auf die Entwicklung von Magenkrebs sind Hamburger und Popcorn vielleicht ganz vorteilhaft.

Die Landkarte der Magenkrebserkrankungen, wie sie von den Krebsforschern aufgezeichnet wurde, veranlaßte dann folgerichtig Jürgen Wahrendorf vom DKFZ zur Fortführung dieser Untersuchungen und zur Ermittlung von möglichen Risikofaktoren für die Magenkrebserkrankungen. Es bot sich an, die unterschiedliche regionale Häufung von dieser bösartigen Erkrankung in Bayern und Hessen näher zu untersuchen. Ist die Entstehung von Magenkarzinomen auch abhängig von der Art der Ernährung, dann müßten regional bedingte Eßgewohnheiten der beobachteten unterschiedlichen Krebshäufigkeit entsprechen. Sind es Fleisch, Wurst oder gar Bier, dieden bayrischen Männern das Leben verkürzen? Die Frage ist leicht gestellt. Die Beantwortung sehr schwierig. Jedenfalls in der Bundesrepublik schwer. Wir verfügen zwar bei uns über eine "einmalig zuverlässige Sammlung von Todesursachen aber unterbinden aus Gründen des Datenschutzes jede differenzierte Nutzung dieser wertvollen Datenquelle", klagt der Münchner Medizininformatiker Dieter Hölzel. Daten aus Todesursachenbescheinigungen können bei uns nicht zurückverfolgt werden. Halbwegs brauchbare Krebsregister gibt es nur im Saarland und mit Einschränkungen in Hamburg. Ein Datenverbund wie in den Vereinigten Staaten gibt es nicht. Das hat gravierende Nachteile. So sind Erkenntnisse über Ärzneimittelnebenwirkungen vom Zufall eines "spontanen Berichtes" abhängig. Um vorbeugende Heilkunde leisten zu können, müssen epidemiologische Daten beschafft werden. Die Bundesrepublik ist auf dem Gebiet der Krankheitsursachenforschung, der Epidemiologie, fast noch ein Entwicklungsland. Deswegen müssen Rainer Frentzel Beyme und Heiner Boeing vom DKFZ nach gangbaren Auswegen suchen. Diese sind mühsam und kostspielig.

Einer dieser Auswege ist die "Fall KontrollStudie". Hierbei werden neu Erkrankte nach ihrer Krankheitsvorgeschichte, im Falle von Magenkrebs nach Ernährungsgewohnheiten und anderen Lebensumständen, befragt. Die gleichen Fragen werden als "Kontrollfälle" anderen Patienten zum taggleichen Zeitpunkt bei der Krankenhausaufnahme gestellt. Zwischen 1985 und 1988 wurden in diese Studie in drei bayrischen und zwei hessischen Krankenhäusern 143 Magenkrebspatienten und 579 Kontrollpatienten, unter diesen auch Krankenhausbesucher, einbezogen. In standardisierten Fragebogen, mußten die Teilnehmer Fragen nach der Wasserversorgung, Lebensmittelkonsum sowie Aufbereitung und Aufbewahrung beantworten. Gezielt wurde nach nitratreichen Lebensmitteln gefragt, also nach dem Verzehr von gepökeltem Fleisch oder Spinat. Aus Nitraten werden im Verdauungsvorgang Nitrite, und daraus können wieder krebserzeugende Nitrosamine entstehen. Bei der statistischen Auswertung der zahlreichen gewonnenen Einzeldaten bemühten sich die Experten des DKFZ, die wechselseitigen Beziehungen der sogenannten personenabhängigen Bedingungen, der Variablen, zu erfassen. Damit sind Essensgewohnheiten, Wasserversorgung, VitaminC Aufnahme und allgemeine Lebensbedingungen gemeint. Mit erlaubten statistischen Kunstgriffen können Fachleute das "relative Risiko" (RR) errechnen, das bestimmte Lebensmittel und die Art ihrer Zubereitung für die Entstehung von Magenkrebs bedeuten. Die Präzision, mit der die Werte für das relative Risiko ermittelt wurden, entspricht dem sogenannten 95 Prozent Konfidenzintervall. Genau sind also die Ergebnisse, aber sind sie relevant? Mit anderen Worten: Beantworten sie eindeutig die Frage, ob beispielsweise ein bestimmtes Lebensmittel und seine Zubereitung für die Magenkrebsentstehung ein relatives Risiko darstellen? Hier ist Vorsicht am Platz. Aber zunächst einmal sollten die Ergebnisse der von Jürgen Wahrendorf auf einem Presseseminar des Forschungsministeriums in Bonn vorgestellten Studie dargestellt werden.

Eine hohe Vitamin C Aufnahme soll nach den Studienergebnissen das Magenkrebsrisiko um die Hälfte vermindern. Der tägliche Verzehr von frischem Obst und Gemüse kann vorbeugend wirken. Verarbeitete Fleischwaren, Gepökeltes oder Wurst auf der Speisekarte, erhöhen das Risiko. Nicht unbeträchtlich, besonders wenn es sich um mit Fichtenholz Geräuchertes handelt. Hier betragt das relative Risiko sogar den anderthalbfachen bis vierfachen Wert.

Überraschend sind die Ergebnisse bei der Risikoermittlung in Abhängigkeit von der Wasserversorgung. Brunnenwasser ist demnach gefährlicher als Leitungswasser: Der so häufig folkloristisch umschwärmte kühle Trunk aus dem tiefen Brunnen soll mit einem relativen Risiko von 2 94 belastet sein (normales Leitungswasser: 1 0). Dieser Befund erscheint den Wissenschaftlern sehr eindeutig, auch wenn das Konfidenzintervall hier bieit angelegt ist (1 64 — 5 27).