Vierzig Jahre lang warteten die DDR-Deutschen vergeblich auf das eigentlich selbstverständliche Recht, ihr Land nach Belieben zu verlassen. Jetzt scheint die ersehnte Reisefreiheit viel schneller zu kommen, als noch vor drei Wochen irgend jemand zu hoffen wagte – und damit stellt sich die Frage nach dem Preis dieser Freiheit. Hat die DDR das Geld, um siebzehn Millionen Bürger in Richtung Westen in die Ferien fahren zu lassen? Und wenn nein, müssen wir in der Bundesrepublik die neue deutsch-deutsche Offenheit finanzieren?

Über dies Thema hat hierzulande eine bemerkenswerte Debatte begonnen. Hans Büchler, deutschlandpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, forderte zum Beispiel, DDR-Bürger müßten künftig die Möglichkeit haben, Geld ihrer Währung in die Bundesrepublik mitzunehmen und zu einem „annehmbaren Kurs“ umzutauschen; die dabei entstehenden Verluste solle die Bundesregierung aus dem bisherigen Begrüßungsgeld für DDR-Besucher und die DDR aus ihren Einnahmen aus dem Zwangsumtausch bezahlen. CDU-Querdenker Kurt Biedenkopf schlug einen für Reisezwecke gebundenen zinslosen Überziehungskredit zugunsten der DDR vor, einen „Reise-Swing“. Und Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper forderte ein „DDR-Reisewerk“ in der Bundesrepublik, das „preiswerte“ Gruppenreisen für DDR-Bürger inklusive Übernachtung in Jugendherbergen finanziert. Die Bundesrepublik habe stets Reisefreiheit für die DDR-Bürger gefordert, meint Momper, „jetzt müssen wir sie auch einlösen“.

Müssen wir tatsächlich das Versprechen auf Reisefreiheit in der DDR einlösen? Und können wir es überhaupt?

Das ökonomische Hauptproblem des deutschdeutschen Reiseverkehrs ist die Tatsache, daß die DDR-Bürger ihr Einkommen in einer Währung beziehen, die außerhalb des Arbeiter- und Bauernstaates nichts wert ist. Sie darf weder einnoch ausgeführt werden und ist auch im kommerziellen Außenhandel nicht zu verwenden. Jeder „Umtausch“ von Ost- gegen Westmark außerhalb der DDR ist daher ein Geschenk an den Besitzer von Ostmark. Gleichwohl wird die DDR-Mark hier gehandelt (derzeitiger Preis für eine DDR-Mark etwa zwölf Pfennig), wobei der Käufer allerdings das Risiko auf sich nimmt, die DDR-Mark illegal ins Land zurückzuschmuggeln. Anders ausgedrückt: Die DDR-Bürger sind, wenn sie ihr Land verlassen, darauf angewiesen, sich das Geld für den Lebensunterhalt schenken zu lassen – entweder von Verwandten und Freunden, von der Bundesregierung oder von ihrem eigenen Staat. Dies ist ein Teil der Bevormundung, die in der Logik des DDR-Wirtschaftssystems liegt.

Bisher erhalten DDR-Bürger, die in den Westen reisen, gegen „Umtausch“ im eigenen Land ein Taschengeld von fünfzehn Mark;’ die Sozialämter in der Bundesrepublik zahlen dazu ein Begrüßungsgeld von hundert Mark. Die Gesamtausgaben für dieses Begrüßungsgeld lagen im vergangenen Jahr bei 261 Millionen Mark. Das war die Voraussetzung dafür, daß im vergangenen Jahr überhaupt 2,7 Millionen DDR-Bürger in den Westen reisen konnten.

Im Prinzip müßte die DDR in der Lage sein, ihre Bürger bei Westreisen wesentlich besser mit Geld auszustatten. Ihre Devisenlage ist für Ostblockverhältnisse noch gut: Die DDR verfügt bei westlichen Banken über Einlagen von rund zehn Milliarden Dollar und ist mit netto sieben Milliarden Dollar relativ bescheiden verschuldet. Außerdem profitiert sie von der engen wirtschaftlichen Anbindung an die Bundesrepublik. Die Transitpauschale für den Berlinverkehr steigt im nächsten Jahr um über 300 auf 860 Millionen Mark. Allein vom Zuwachs könnte sie jedem Westreisenden in diesem Jahr hundert Mark auf die Hand bezahlen. Aus dem Zwangsumtausch westlicher Besucher nimmt Ost-Berlin außerdem etwa 500 Millionen Mark ein.

Trotzdem ist das Devisenproblem nicht nur ein vorgeschobenes Argument der SED-Funktionäre zur Abwehr unliebsamer Forderungen nach mehr Freiheit. Die DDR leidet tatsächlich unter chronischem Devisenmangel, und der Reisewunsch ihrer Bürger droht die DDR-Wirtschaft schwer zu belasten. Die Ursache dafür liegt im System: Im Laufe der achtziger Jahre ist die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie dramatisch gesunken; für eine DDR-Mark erlöst die DDR im Außenhandel gerade noch fünfzehn Pfennig. Immer schwieriger wird es, Abnehmer für DDR-Waren im Ausland zu finden. Gleichzeitig wird der Hunger der DDR-Betriebe nach Devisen für Importe immer größer.