Woher der Odenwald seinen Namen hat, ist bis heute nicht geklärt; doch das tut seinem Reiz keinen Abbruch. Die einen bringen die hessische Waldregion mit „Einöde“, einer von Menschen, Hasen und Füchsen verlassenen Gegend, in Zusammenhang. Die anderen, mutmaßlich unverbesserliche Heiden, bestehen darauf, daß die einzig richtige Namensdeutung „Odinswald“ sei. Hier habe, so geht die Sage, der Göttervater mit einer Geisterschar verblichener Recken eine Stammkneipe gehabt, um Mitternacht hätten sie trunken im Wald randaliert. Eine Reise durch Odins Heimatforst führte drei Tage entlang der Burgen und Schlösser von allerlei Herzögen, Landgrafen und Rittern, die inmitten der von Tälern und Flüssen durchzogenen Mittelgebirgslandschaft entstanden. Die Flüsse Neckar und Main, die Gebirgszüge Spessart und Taunus und die Oberrheinische Tiefebene begrenzen den Odenwald.

Burg Frankenstein, unweit des Städtchens Mühltal, ein mehr als 700 Jahre altes Gemäuer, war früher einmal der imposante Besitz eines Rittergeschlechts gleichen Namens. Später verfiel die Burg, die Bauern nutzten sie als kostenlosen Steinbruch. Im 19. Jahrhundert gebot Großherzog Ludwig III. von Hessen der Zerstörung Einhalt; zwei Türme wurden rekonstruiert. Von ihrer Spitze aus kann man bei klarem Wetter rund 35 Kilometer bis nach Frankfurt sehen.

Wer in der sagenumsponnenen Burgruine verweilt, dem raunen die alten Mauern die Heldentat Georgs von Frankenstein ins Ohr. „Drachentöter“ wurde er genannt, weil er, unvergänglicher Mär nach, die Odenwälder von einem schauerlichen Lindwurm befreite. Das menschenfressende Untier wollte Schön-Annemarie, des Ritters Liebste, verschlingen. Doch Georg zückte das Schwert. Im Todeskampf stach der Drache dem Helden mit der giftigen Schwanzspitze ins Knie. Beide verschieden. Schön-Annemarie sank, vom Schreck entseelt, auf Drachen und Ritter nieder.

Eine andere Horrorgeschichte entsprang der Phantasiegewalt der englischen Schriftstellerin Mary Shelley, die während ihres Deutschlandbesuchs auch in den Odenwald kam. Angesichts der Burg kam ihr die Idee zu einem Roman. 1818 veröffentlichte sie ihren „Frankenstein“, nicht ahnend, daß der experimentierfreudige Doktor und sein Monster in die Literatur- und Kinogeschichte eingehen würden. Alljährlich Ende Oktober/Anfang November werden die Gruselgestalten auf Burg Frankenstein wieder lebendig. Dann findet das von Amerikanern und Deutschen gemeinsam veranstaltete „Halloween-Geister-Fest“ statt. Tausende von Besuchern, vor allem aus Übersee, strömen herbei. Rote und blaue bengalische Lichter lassen die Burgruine in magischer Beleuchtung erstrahlen. Gespenstische Wesen schleichen umher. Aus einem Sarg erhebt sich ein Toter. Das Ganze ist ein Jux mit Volksfestcharakter.

In einem Seitental der Gersprenz liegt Fränkisch-Crumbach. Hier hauste einst das Geschlecht der Rodensteiner, die eine efeuüberwucherte, wildromantische Burgruine hinterließen. Legenden künden von wüsten Saufgelagen und lärmenden Jagden der Rodensteiner. Der berühmteste und berüchtigtste unter ihnen, Ritter Hans, soll ein Raufbold und Vielfraß gewesen sein; die Odenwälder mögen ihn noch heute. In ihrem Herzen lebt er als „Geisterreiter“ fort. Er regte Victor von Scheffel zu einem Gedicht an: „Das war der Herr von Rodenstein, der sprach: Daß Gott mir helf! Gibt’s nirgends mehr ’nen Tropfen Wein des Nachts um halber zwölf?“ Als der Zecher eines Nachts einen Rachezug zur benachbarten Schnellertsburg unternahm, endete sein Leben durch einen Schwerthieb. „Und als mit Spieß und Jägerrock sie ihn zu Grab getragen, hub selbst die alte Lumpenglock betrübt zu läuten an.“ In der folgenden Nacht sahen die Odenwälder einen fahlgesichtigen Reiter durch die Lüfte jagen; höllisches Gelichter folgte ihm, vermutlich seine Saufkumpane aus dem Jenseits.

Oberhalb von Reichelsheim-Laudenau liegt das Gasthaus „Freiheit“, ein historisches Gebäude, ein einstiges „freies Reichshaus“. Wer die deftige Odenwälder Küche schätzt, ist hier gut aufgehoben. Riesige Braten, Würste in allen Variationen, Preßkopf und Schwartenmagen sowie heißer gekochter Schinken laden den hungrigen Reisenden ein. Wer aber im Gasthaus Hochzeit hält, zu dem kommen vielleicht – wie es vor undenklichen Zeiten geschehen sein soll – die „wilden weißen Weibchen“. Als mystisches Geschenk überreichen sie die Glücks- und Gesundheitsbringer „weiße Selwen“ (Silbersalbei-Pflanzen). Nicht weit vom Gasthaus entfernt haben sie ihr Zuhause. Tief im Wald versteckt liegt der „Wildweibchenstein“, eine aus Granitblöcken aufgetürmte Felsenmasse.

Über dem Pfad zur Burg Breuberg bei Neustadt glüht die Sonne, Hitze brütet. Nachdem der Burggraben erreicht ist, aus dessen mit Brennesseln und Wiesenblumen überwachsener Tiefe Kühle heraufdringt, atmet der Reisende auf. Der Burghof liegt im Schatten der Festungsmauern aus dem 12. Jahrhundert. Von den Zinnen des Bergfrieds blickt der Betrachter auf den bunten Herbstwald hinab. Wann die Burg erbaut wurde, blieb bisher unbekannt. Angenommen wird, daß um 1150 Abt Marquard von Fulda die Errichtung der markanten Bergfestung veranlaßte. Erst mit Beginn des 13. Jahrhunderts traten die „Herren von Breuberg“ als Besitzer in Erscheinung. Im 16. Jahrhundert, unter der Ägide der Grafen von Wertheim, hatte die Burg ihre Glanzzeit. Sie wurde für eine fürstliche Hofhaltung der Renaissance-Ära ausgebaut – und sank im 19. Jahrhundert zur Bedeutungslosigkeit herab. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie ins Eigentum des Landes Hessen über und wurde vorbildlich restauriert. Zur Jugendherberge umfunktioniert dient sie heute jungen Leuten als Nachtlager.