Von Roland Kirbach

Remscheid

Veronika Wolf registrierte es zum erstenmal, als sie im April dieses Jahres mit der Gartenarbeit begann. Kaum war sie mit der Erde in Berührung gekommen, bekam sie rote Flecken an Armen und Beinen. Im Sommer, als es heiß wurde, war sie übersät von diesen roten Punkten, die nun auch dicker wurden, brannten und juckten. Bis heute ist der Ausschlag nicht verschwunden. Auch die vier kleinen Kinder, die viel draußen spielen, bekamen diese Flecken.

Bei ihrem Nachbarn, dem 43 Jahre alten Reiner Tesche, zeigten sich gleichfalls starke Hautreizungen an den Händen, als er im Frühjahr begann, im Garten zu arbeiten. Bei ihm platzte die Haut sogar auf. "Bis auf die Knochen gingen die Risse", berichtet er. Die Wunden heilten, als er nicht mehr in den Garten ging. Nach wie vor aber wachsen seine Fingernägel an einem Tag so lang wie sonst in vier Wochen. Im Juni sei er zusammengebrochen und ins Krankenhaus gebracht worden. Angeblich habe er einen leichten Herzinfarkt erlitten. Das kann er bis heute nicht glauben, stets sei er kerngesund gewesen. Bei seiner Frau spannt und rötet sich die Haut wie bei einem Sonnenbrand, auch wenn die Sonne gar nicht scheint.

Die Familien Tesche und Wolf wohnen in Remscheid in der David-Dominicus-Straße. Die verläuft an einem Hang unterhalb der Stockder Straße. Dort war am 8. Dezember vergangenen Jahres das amerikanische Kampfflugzeug vom Typ A-10 in das Mehrfamilienhaus Nr. 128 gestürzt. Sieben Menschen kamen damals ums Leben, rund fünfzig wurden verletzt, mehrere Anwohner wurden obdachlos. In die Gärten zwischen der Stockder Straße und der David-Dominicus-Straße stürzten unter anderem Teile des Triebwerks, ergossen sich Kerosin und Motorenöle. Die Bäume rings um ihr altes Fachwerkhaus hätten "gebrannt beziehungsweise geglüht", berichtet Veronika Wolf. "Die Maschine war ja vorher in Nörvenich vollgetankt worden, die hatte 9000 Liter Kerosin an Bord." Außerdem habe es überall geblitzt und geknallt "wie an Silvester". Reiner Tesche, an dessen Haus der Eingang von herabstürzenden Teilen demoliert wurde, hat noch vergangene Woche unter einem Busch "ein Schaufelrad von einer Turbine" gefunden.

Daß ihre Hauterkrankungen mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen, davon sind die betroffenen Anwohner fest überzeugt. Sie glauben, daß sich in ihren Gärten Substanzen abgelagert haben, die die Maschine mitführte oder die beim Brand entstanden sind. Bei Tesches hat in diesem Jahr kein Obstbeum Früchte getragen, nicht mal die Johannisbeersträucher. Und kein einziger Vogel läßt sich hier mehr nieder. "Früher sind wir Sonntag morgens von Vogelgezwitscher geweckt worden", sagt Reiner Tesche. "Jetzt ist es hier mucksmäuschenstill."

Als erster der Betroffenen wurde Tesche aktiv und wandte sich an das zuständige Amt für Verteidigungslasten in Düsseldorf. Er forderte, die Behörde solle Bodenuntersuchungen vornehmen lassen. Doch das Amt lehnte ab mit der Begründung, es sei "eine reine Entschädigungsbehörde". Sie erstatte nur Ansprüche, die "begründet, beziffert und belegt" sind. Den Nachweis, daß der Boden vergiftet sei und daß die Erkrankungen damit zusammenhängen, müsse Tesche schon selbst erbringen und finanzieren. In einem Kostenvoranschlag, den Tesche daraufhin von einem Institut erbat, seien ihm diese Kosten auf 40 000 bis 50 000 Mark beziffert worden.