Die Bonner Regierung fürchtet um die Macht, der Bürger um das Dach über dem Kopf

Von Peter Christ

Wenn die neue Wohnungsnot tatsächlich zum entscheidenden Thema der Bundestagswahl im nächsten Jahr würde, dann hätte Helmut Kohl schon verloren. Bis zum 9. Dezember 1990, dem Wahltermin, kann kein Bundeskanzler den Wohnungsmangel beseitigen. Zu spät also hat die Bundesregierung die politische Gefahr erkannt. Jetzt reagiert sie mit hektischem Aktionismus, der Panik verrät.

Hätte es die Regierung vermeiden können, so unverhofft in die Bredouille zu geraten? Ohne Zweifel. Denn Wohnungsmangel entsteht nicht über Nacht, und er ist kein neues Phänomen. Zuletzt hatte eine auch damals nicht neue Wohnungsnot 1979/80 Wähler und Gewählte erschreckt. Von 1970 bis 1972 sorgten fehlende Wohnungen ebenfalls für helle Aufregung. Die Gründe für die Knappheiten sind in allen drei Fällen sehr ähnlich, und in allen drei Fällen wurden die Regierungen überrascht.

Immer gingen der wachsenden Nachfrage nach Wohnungen deutliche Einkommenssteigerungen voran, so auch jetzt. Seit Mitte der achtziger Jahre ist die Kaufkraft der Deutschen wieder gestiegen. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre kamen viele Gastarbeiter ins Land, heute sind es Ober- und Aussiedler, die Wohnungen brauchen. Seit Anfang der siebziger Jahre wächst die Zahl der Haushalte schneller als die der Einwohner, weil die durchschnittliche Haushaltsgröße abnimmt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die demographische Entwicklung hat – dies klingt kurios – die gegenwärtige Wohnungskrise verschärft. Seit Jahren lamentiert alle Welt darüber, daß die niedrige Geburtenrate die Zahl der Deutschen und damit auch eines gar nicht fernen Tages die Zahl der Haushalte und deren Bedarf an Wohnungen schrumpfen läßt. Diesen Trend vor Augen, haben viele potentielle Investoren lieber darauf verzichtet, ihr Geld in Wohnhäusern anzulegen. Sie haben nicht bedacht, daß auch Ausländer in der Bundesrepublik Wohnungen brauchen, daß nicht die Deutschen allein die Zahl der Einwohner in der Bundesrepublik bestimmen. Gleichzeitig haben Geldanleger und Politiker übersehen, daß noch für einige Jahre immer mehr Deutsche in die Altersschicht zwischen 25 bis 45 vorrücken. Diese Gruppe ist für den Wohnungsmarkt von entscheidender Bedeutung, weil in diesem Lebensabschnitt der Bedarf an Wohnraum durch Familiengründung oder schlicht durch Einkommenszuwachs stark zunimmt.

Mit Ausnahme der gestiegenen Zahl der Übersiedler aus der DDR – in diesem Jahr schon fast 160 000 – waren alle anderen Trends vorherzusehen. Doch statt schon 1987 etwas gegen die Wohnungsnot von 1989 zu tun, verharrte die Bundesregierung bis Ende vergangenen Jahres in Selbstgefälligkeit. Oskar Schneider, weiland Bauminister, sagte noch im vergangenen Dezember: „Wir haben insgesamt eine ausgezeichnete Wohnungsversorgung.“ Womit er recht hat. Statistisch bewohnt jeder Bundesbürger eine Fläche von 36 Quadratmetern, in Europa können nur die Schweizer mithalten; einzig die Amerikaner haben größere Wohnungen als wir. Doch allen jenen, die jetzt Wohnungen brauchen, hilft es gar nicht, daß es dem Durchschnitt gutgeht.