Von Heinz Josef Herbort

Eigentlich, findet der jetzt achtundzwanzigjährige Gitarist Jürgen Ruck, dürfe man „die Aussagekraft von Wettbewerben nicht sehr hoch einschätzen“; dazu seien „die Leistungen dort zu sehr von der Tagesform und vom subjektiven Urteil der Juroren“ abhängig: „Ein Wettbewerb ist eher ein Turnier, ähnlich wie im Sport.“ Nichtsdestotrotz ist er immer wieder bei solchen Musikturnieren gestartet, hat auch etwas Gutes daran gefunden: „Die Teilnahme motiviert einen, intensiver und genauer zu arbeiten.“

Jürgen Ruck ist keine Ausnahme: Wen immer man fragt von den jungen Interpreten – sie alle reagieren zunächst jüngferlich und verdrossen, wollten sich eigentlich nicht prostituieren, reflektierten auf die unabweisbare Stärke des Talents, hofften fast schon darwinistisch auf das Naturgesetz, nach dem sich das Stärkere doch mit Sicherheit durchsetzt. Aber irgendwann haben sie sich (oder hat der Lehrer sie) dann doch angemeldet, plötzlich standen sie im Endspiel von Wimbledon, will sagen: Uelzen, Hannover, München, Brüssel, Wien, Bozen, Warschau, Moskau. Oder Bonn.

Denn dort findet seit 1975 jährlich der „Deutsche Musikwettbewerb“ statt: ein auf den ersten Blick und Anschein fast schon anrüchig-nationalistisches Turnier, das einen bundesrepublikanischen Paß voraussetzt; bei nicht so skeptischer Betrachtung eine Chance für den bundesdeutschen Nachwuchs, sich zu profilieren und sich für höhere und größere Aufgaben zu empfehlen.

Eine der sinnvolleren Sieger-Ehrungen: die „Stipendiaten“ dieses Wettbewerbs werden in eine Liste aufgenommen, die rund 250 privaten und kommunalen Konzertveranstaltern zugesandt wird: eine Empfehlung, bei passender Gelegenheit vielleicht einmal diesen oder jenen Nachwuchs-Interpreten zu verpflichten. „Sehr viel“ freilich sei da zwar nicht herausgesprungen, bekennt einer der so Inventarisierten.

Die vielleicht konsequenteste, zeitgemäßeste, am weitesten streuende und dadurch auch effektivste Förderung, die den „Preisträgern“ zusteht: Sie dürfen eine Schallplatte einspielen, für deren Inhalt, also das Repertoir sie selber die Verantwortung tragen. Die jüngsten sieben dieser meist mit Hilfe einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt entstandenen Aufnahmen sind jetzt in der modernen Form der Compact Disc erschienen (alle bei der deutschen harmonia mundi).

Der „älteste“, der Pianist Rolf Plagge (geboren 1959), ist auch der Turnier-erfahrenste, besitzt inzwischen einen Schrank voller Pokale. Auf seiner Platte bietet er nichts „Kleineres“ als Ravels „Gaspard de la Nuit“, die fünfte Sonate von Skrjabin und Liszts h-moll-Sonate – brillant dies alles und technisch einwandfrei, aber doch mit stark gebremstem Temperament, eher auf Lyrik spekulierend als dramatisch sein Recht einklagend. Nicht daß er sich übernommen hätte – aber dieser eher nachdenkliche und zögerliche Impetus hätte mit anderen Werken adäquater sich vorgestellt; zumal die etwas topfige Aufnahme auch noch einiges vom Glanz mindert (Primavera 2028).