Fast wie im Kinderreim ist es von Mal zu Mal einer weniger: Die Zahl der wandelunwilligen Regimes in Osteuropa nimmt ab. Von Rumänien abgesehen, steht die Tschechoslowakei jetzt ziemlich isoliert da. Selbst in der DDR regt sich neues Leben, sogar der bulgarische Parteichef Schiwkoff verkündet den Pluralismus als Notwendigkeit einer jeden zivilisierten Gesellschaft. In Prag freilich ließ die Obrigkeit am vorigen Wochenende eine Kundgebung niederknüppeln.

Wie paßt dies zu den Zeichen für bevorstehende Änderungen auch in der ČSSR, von denen seit einiger Zeit geraunt wird? Die Prager Herren sind inzwischen wohl wirklich die letzten, die an Reformen nach dem Motto glauben: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß. Gestützt auf eine nach osteuropäischen Maßstäben leidlich funktionierende Wirtschaft, wollen sie Veränderungen ohne Wandel, denken sie nur an eine „Verbesserung“ des Status quo, wollen sie die gesellschaftliche Dynamik unter zentraler Kontrolle halten. Doch weil es das nicht gibt – Dynamik mit Daumen drauf –, kommt es zwingend zu Autoritätskrisen, auf die Zwingherren reagieren, wie sie es gelernt haben: autoritär.

Wie lange noch? Die Ostberliner Anschauung wird die Prager Führung erst einmal verhärten – und wer den Prager Frühling niedergeschlagen hat, hat von Reformern einiges zu befürchten. Doch eines Tages schlägt auch dem Letzten die Stunde. R.L.