Von Cornelie Sonntag

Hat dich der Frust schon ereilt?“ fragen Freunde. Merkwürdig. Ein Sitz im Deutschen Bundestag, ein Büro im Langen Eugen, dem Abgeordnetenhochhaus am Rhein, eine Freifahrkarte für die Bahn, Kosten für Flüge „in Ausübung des Mandats“ werden erstattet – und die Leute fragen, ob ich frustriert sei! Offenbar wissen Eingeweihte, daß „der Gesetzgeber“ nicht viel mehr ist als ein Rädchen im Getriebe, eingezwängt ins Korsett der Fraktionsdisziplin, beherrscht von der Ministerialbürokratie, degradiert zur Abstimmungsmaschine.

Nein, ich bin nicht frustriert. Die Illusion von der Allmacht des Parlaments habe ich mir schon früher aus dem Kopf geschlagen. Viel mehr beschäftigt mich mein Sprung von der Vierten zur Ersten Gewalt. Vor einem Jahr habe ich meine Tätigkeit als NDR-Hörfunkredakteurin aufgegeben und bin für Heide Simonis, die Finanzministerin in Kiel wurde, in den Bundestag nachgerückt.

Vom Journalismus zur Politik, das ist ein Übertritt ins andere Lager: heraus aus der Gruppe derer, die die Ware Politik prüfen, analysieren, kommentieren, hinüber zu den Produzenten und Lieferanten. Früher versuchte ich, Politiker in die Enge zu treiben; keine Floskeln, bitte. Jetzt muß ich mich selbst vor den Leerformeln hüten. „Sagt mir Bescheid, wenn ich rede wie die Polit-Profis“, bitte ich Freunde. Noch bescheinigen sie mir, daß ich bei Besuchen und Gesprächen eher frage, als ein kleines, zur Profilierung bestimmtes Statement abzugeben. Aber schon kommen mir im Plenum jene gängigen Zwischenrufe über die Lippen wie „Hört, hört!“ – „Sehr wahr!“ – „Unglaublich!“

„Ihren Entschluß bereuen Sie sicher schon – denn die wahre Macht haben doch die Medien“, meint die Kollegin von der CSU. Nein, keine Reue. In meinem ersten Bundestags-Jahr habe ich wahrlich nicht nur Zyniker, Karrieristen, Duckmäuser und Selbstdarsteller kennengelernt. Ich hörte – neben mancher schlechten, abgelesen heruntergerappelten Rede, die ich nicht mal im Aufsatzfunk dulden würde – auch Meisterstücke. Viel Nachdenklichkeit, Engagement, Detailwissen und viele moralische Skrupel sind mir begegnet –, mit Verlaub: mehr als die Vertreter meines ehemaligen Berufsstandes den Abgeordneten zuzugestehen bereit sind. Ich erinnere mich an die betretenen Gesichter, als es Philipp Jenninger in seiner Rede zur Wiederkehr der Reichspogromnacht nicht schaffte, sich in Wortwahl und Tonfall vom Vokabular der Nazidiktatur zu distanzieren. Nicht gespielte Empörung herrschte da, sondern aufrichtige Scham.

Als Journalistin habe ich mich oft über die gähnende Leere im Parlament aufgeregt. Das kann ich so schnell nicht vergessen. Also versuche ich, wenigstens drei, vier Stunden an jedem Sitzungstag im Wasserwerk zu sitzen. Unter den Abgeordneten gehört freilich die Frotzelei zum Repertoire: „Haste nichts besseres zu tun, gehste ins Plenum...“

Mag sein, daß ein paar Abgeordnete tatsächlich das Klischee bestätigen, das den schlechten Ruf des Parlaments begründet: daß sie nämlich behäbig und bürgerfern ihre saftigen Diäten kassieren, ohne viel dafür zu tun.