Von Karl-Heinz Büschemann

Wenn sich Spitzenpolitiker wie Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl besuchen, dann wird über vieles geredet, manches sogar beschlossen. Aber es kann auch gelegentlich anders kommen. Während des jüngsten deutsch-französischen Gipfels in der vergangenen Woche wurde über ein drängendes Thema auf ganz andere Weise entschieden: dadurch, daß darüber nicht gesprochen wurde.

Gar zu gerne hätte es Hartmut Mehdorn, der Leiter des Unternehmensbereiches Transportflugzeuge bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), gesehen, wenn sich Kohl und Mitterrand darauf verständigt hätten, daß das europäische Gemeinschaftsflugzeug Airbus nicht mehr wie bisher nur im französischen Toulouse montiert wird. Für das jüngste Mitglied der Airbus-Familie, den Kurzstreckler A-320, soll nach den Wünschen von MBB demnächst im norddeutschen Hamburg eine eigene Fertigungslinie errichtet werden. Diese Idee der Arbeitsteilung hatte der deutsche Airbus-Partner, der zu dem Projekt – genau wie die französische Firma Aerospatiale – 37,9 Prozent beiträgt, schon vor einem Jahr geäußert. Die Deutschen waren damit aber bei den anderen Beteiligten (British Aerospace 20 Prozent, die spanische Gesellschaft Casa 4,2 Prozent) des Flugzeugbaukonsortiums, vor allem aber bei den Franzosen, abgeblitzt.

Dabei hatten die Manager von MBB ihren drei Partnergesellschaften vorgerechnet, daß die Montage der Flugzeuge wesentlich billiger zu haben sei, wenn der 150sitzige A-320 und dessen verlängerte Version A-321 in Hamburg und die anderen vier Maschinen weiterhin in Südfrankreich aus den zugelieferten Teilen zusammengesetzt würden. Im Gegenzug, so das Angebot, treten dann die Deutschen für die vier in Frankreich verbleibenden Flieger die komplette Innenausstattung mit Sitzen, Küchen und Toiletten an die Franzosen ab. Neunzig Millionen Dollar ließen sich nach den Rechnungen sparen, wenn auf diese Weise Innenausbau und Montage jeweils an einem Ort zusammengefaßt würden.

Das ist immerhin etwas, denn der Airbus, den zu bauen sich vor über zwanzig Jahren die Regierungen Frankreichs, der Bundesrepublik und Großbritanniens zum gemeinsamen politischen Auftrag gemacht hatten, braucht nichts so dringend wie Kosteneinsparungen. Seit 1972 der erste Airbus fertig wurde, hat das später um Spanien erweiterte Konsortium Milliardenverluste produziert, deren Höhe niemand so ganz genau kennt. Die deutsche Bundesregierung mußte allein für den deutschen Anteil bisher elf Milliarden Mark an Subventionen zum Verlustausgleich entweder bezahlen oder für die kommenden Jahre fest zusagen.

Dennoch fand dieser deutsche Einsparungsvorschlag keine Gegenliebe bei den Franzosen. Henri Martre, der Chef der staatlichen französischen Airbus-Partnerfirma Aerospatiale, blockte den Vorschlag zunächst einfach ab: „Dieses Problem existiert nicht.“ Er konnte sich diese Haltung leisten, denn im europäischen Airbus-System können so weitreichende Entscheidungen nur getroffen werden, wenn jeder der Partner seine Zustimmung gibt. Gegen die Franzosen geht also nichts, und die wollen auf gar keinen Fall den Deutschen die Endmontage des mittlerweile 700mal verkauften Bestsellers A-320 überlassen. Das Flugzeug wird seit über zwei Jahren in Toulouse gefertigt. Die Franzosen werden ihrerseits nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Verlagerung einer schon laufenden Montage nach Hamburg industriell sehr schwierig, vor allem aber teuer sei.

Doch mit Sicherheit spielen nicht nur Zahlen, sondern auch Prestige eine Rolle. Denn am Ort der Endmontage nehmen die internationalen Fluggesellschaften ihre neuen Maschinen in Empfang, und auf dem Aerospatiale-Flugplatz in Toulouse-Blagnac wird ihnen dann der Eindruck vermittelt, diese moderne Passagiermaschine sei ein rein französisches Produkt. Das ärgert den deutschen Airbus-Partner MBB schon lange, zumal die französische Luftfahrtindustrie auch auf internationalen Messen nicht davor zurückschreckt, den Airbus unter die Trikolore zu stellen.