Stilgerecht, witzig und geistreich – wann trifft das je alles zusammen? Und das auch noch in Bonn? Es dem aber so an dem Abend, zu dem David Marsh und sein Londoner Verlag in den Bonner „Königshof“ eingeladen hatten. Sie wollten das Buch aus Marsh’s Feder vorstellen: „The Germans. Rich, bothered and divided“.

Ein bißchen spöttisch meinte Marsh, der Untertitel – reich, verdrießlich, geteilt – sei wohl unübersetzbar. Sein deutscher Verlag jedenfalls habe sich entschlossen, das Buch im Frühjahr unter dem Titel „Deutschland im Aufbruch“ zu veröffentlichen. So klingt es nämlich optimistischer.

Marsh zählt sicher zu den klügsten und originellsten Auslandskorrespondenten in Bonn. Das macht auf sein Urteil neugierig. Es ist das Buch eines britischen Journalisten: faktenreich, lakonisch, pointiert. Aber schließlich muß er ja auch beweisen, daß er seiner Kritik am deutschen Journalismus etwas entgegenzusetzen hat.

Eine Tradition journalistischer Unabhängigkeit fehle, meint der Autor. Weder Politiker noch Journalisten seien sich immer ganz sicher, auf welcher Seite sie wirklich stehen. Deutsche Journalisten wollten oft „die Öffentlichkeit nicht nur informieren, sondern ihr auch sagen, was sie zu denken hat“. Wirtschaftsjournalisten vergäßen zu oft, daß Ökonomie, Industrie und Politik zusammengehören. Und in Bonn speziell seien Politik und Medien eine ungesunde Symbiose eingegangen.

Viel ist richtig daran, auch wenn es Gegenbeispiele gibt und wenn sich Gegenfragen stellen ließen, zum Beispiel an Wirtschaftsjournalisten in London. Das Buch insgesamt spiegelt den Eindruck von Marsh wider, ein bißchen seien die Deutschen, wie Vierzigjährige oder auch Teenager eben manchmal sind: „Sie versuchen, ihr Leben zu ändern.“ Er beobachtet ein Land voller Widersprüche, Inkonsequenzen, Rollenunsicherheit und Harmoniesehnsucht.

Natürlich sieht er uns durch die Brille des Korrespondenten der Financial Times: Er blickt auf die Elite, er spricht mit der Elite. Ihn interessieren die „Barone des Konsenses“, die Kompetenten, Vernünftigen, Mächtigen. Ihn beschäftigt das Urteil von denen oben, vom Establishment. Man liest es mit Vergnügen und lernt viel daraus. Aber beschreibt er damit wirklich the Germans?

*