Die Summe macht Eindruck: Mehr als 26 Milliarden Mark ließen sich deutsche Unternehmen 1987 (neuere Daten liegen nicht vor) die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter kosten, achtmal mehr, als Bund, Länder und Gemeinden für den gleichen Zweck zahlen, und mehr, als der Staat für alle Hochschulen lockermacht. Und in den achtziger Jahren sind die betrieblichen Ausgaben für Qualifizierung stärker gestiegen als die Investitionen in das Sachkapital.

Weiterbildung, jahrzehntelang eher ein Stiefkind deutscher Personalplaner, hat also Konjunktur. Mittlerweile gilt sie als unumgängliche Investition in die wichtigste „Software“, die es gibt, die Kreativität, das Know-how und die Gestaltungskraft der Beschäftigten. Diese Tendenz wird sich in Zukunft noch verstärken. Nach einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft rechnen vier Fünftel der Betriebe mit steigendem Weiterbildungsbedarf. Für das wachsende Interesse der Unternehmen an gut ausgebildeten Mitarbeitern gibt es plausible Gründe. Die Entwicklung der Technik hat die Arbeitswelt grundlegend verändert. Anders als früher geht die Zerlegung der Arbeit in einzelne Segmente zurück; Spezialisierung und wachsende Isolation werden zunehmend abgelöst durch Verzahnung von Aufgaben und breitere Zuständigkeiten.

Berufliche Weiterbildung soll die Arbeitnehmer also befähigen, die neuen Anforderungen in der Arbeitswelt zu bewältigen, die technisch-organisatorischen Veränderungen zu unterstützen und zu fördern. Sie soll aber auch die Aufstiegschancen des einzelnen verbessern, Arbeitslosigkeit verhindern und nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erhalten und stärken. Für das Bestehen im europäischen Binnenmarkt sind dies wichtige Voraussetzungen.

Wachsende Bedeutung erhält die betriebliche Qualifizierung überdies durch den steigenden Bedarf an Fachkräften. Deshalb dürfen in den Genuß der Qualifizierungsprogramme nicht mehr vor allem technische und kaufmännische Angestellte oder Führungskräfte kommen, die in der Vergangenheit die größten Nutznießer waren. Um den Anschluß an die Entwicklung zu behalten, müssen Facharbeiter ebenso wie die Un- und Angelernten die Schulbank in den Betrieben drücken.

In den wesentlichen Punkten der Analyse sind sich Arbeitgeber und Gewerkschaften, Regierung und Parteien weitgehend einig. Doch über den richtigen Weg gehen die Meinungen weit auseinander. Sozialdemokraten und Gewerkschaften wollen den Staat stärker in die Verantwortung auch für betriebliche Weiterbildung einbeziehen. Sie fordern Rahmengesetze und Tarifverträge, in denen Methoden und Ziele, Inhalte und Ansprüche der Beschäftigten fixiert werden sollen. Die Unternehmer dagegen plädieren für die marktwirtschaftliche Lösung, also eine bedarfsorientierte Weiterbildung, die allein in der Verantwortung der einzelnen Betriebe bleiben soll.

Auch Bildungsminister Jürgen Möllemann erteilt Plänen für ein staatliches Weiterbildungssystem eine deutliche Absage. Er appelliert an die Sozialpartner, den Ausgleich zwischen den Interessen von Arbeitnehmern und Unternehmen durch Tarifverträge zu schaffen. Immerhin will der Liberale die Forschung in diesem bedeutenden Bildungssektor fördern. Ein erster Schritt ist durch die Vergabe zweier Gutachten bereits getan – eines aus der Sicht der Unternehmensleitungen, eines aus der Sicht der Arbeitnehmer.

Die Untersuchungen, die Konzeptionen für Forschungsschwerpunkte liefern sollten, liegen jetzt vor. Eines ihrer wesentlichen Ergebnisse: Die Datenlage auf dem Gebiet der betrieblichen Weiterbildung ist ausgesprochen mangelhaft, der Forschungsbedarf also erheblich. Während mittlerweile fast alles in unserer Lebens- und Arbeitswelt statistisch festgehalten wird, gibt es auf dem Gebiet der Qualifizierung kaum verläßliche Daten. Nur grob läßt sich sagen, wie viele Mitarbeiter welcher Branchen und welchen Bildungsstands bisher von Weiterbildungsprogrammen profitieren. Unzulänglich ist auch die Kenntnis über Inhalte und Methoden, Umfang und Struktur der Angebote. Auch über Bedarf und Planung fehlen bisher verläßliche Informationen.