Der Geschichtenerzähler Ende, erfolgreichster deutscher Schriftsteller der Gegenwart (seine mehr als zwanzig Bucher haben weltweit Millionenauflagen), hat sich ein Leben lang gewehrt, ein richtiger Erwachsener zu werden, so ein "Krüppelwesen, das m einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert" (Ende über Ende).

Eigentliche Triebfeder des Schreibens sei die "Lust am freien, absichtslosen Spiel der Phantasie". Und Spiel könne, wenn es wirklich Spiel bliebe, niemals moralisieren, sei seinem Wesen nach amoralisch, also außerhalb moralischer Kategorien. Ende hat immer wieder deutlich gesagt, daß ihm die Entzauberung der Welt ein Graus ist und eine Literatur, die vorrangig unter dem Aspekt gesellschaftskritischer, politischer, emanzipatorischer und aufklärerischer Absicht begriffen wird, als penetrante "Pflichtübung" erscheint. Die vier Himmelsrichtungen seiner poetischen Landschaft sind "freies Spiel der Phantasie, Schönheit, das Wunderbare und Humor". Wollte man Endes poetischen Standort etwas unzulässig verkurzen, so durfte man wohl sagen, sein Ciedo sei Bretons Satz aus dem Pariser Manifest von 1924: "Das Wunderbare ist immer schön, ganz gleich welches Wunderbare, es ist sogar nur das Wunderbare schön "

Wie Breton und die Surrealisten glaubt Ende an "die höhere Wirklichkeit gewisser, bis heute vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traums, an das absichtsfreie Spiel des Gedankens".

Ende will entzauberten Dingen ihr Geheimnis zurückgeben, bewegt sich frei schaffend durch die thetisierende Verquickung von uralten Symbolen N sehen und psychologistischen Quellen. U B £ Höhenluft seiner Vorstellungswelt. In seinen Erzählungen erkennen wir wohl bekannte Bilder wieder. Sie reichen von den Phantasmagorien eines Monsu Desideno bis zu den Metaphern ron Chirico, Max Ernst, Chagall, Delvaux oder Magritte. Und wenn es um Hollenvisionen geht, findet Ende, was er braucht, in den Farben eines Hieronymus Bosch.

In Endes jüngstem Buch "Der Wunschpunsch" (wer mag, kann einfach die Nummer 07117 210 55 34 oder 37 wählen und hört den Dichter sich selber rezitieren) geht es um den Countdown des Planeten. Folgerichtig sind die 52 Kapitel der phantastischen Erzählung nach Uhrzeiten uberschriftet. Die Bemahe Katastrophe beginnt zur gemütlichen tea ttme um 17 Uhr und endet mit den lautenden Munsterglocken nach 237 Seiten Schlag Mitternacht.

Protagonisten des Bösen sind Doctor horroris causa Beelzebub Irrwitzer und seine geldgeile, ekelhafte Tante Tyti, ein schandhaßliches Leib gewordenes Symbol für Mammonismus. Das satanische Duo (die beiden sind einander durch aufrichtigen Haß verbunden) treibt seine schwarzmagischen Scheußlichkeiten m einer unheimhcten Villa. Kein netter Firlefanz üblicher Provenienz — Hasen aus Hüten oder so was —, sondern die beiden diabolischen Angestellten proben hier ihres satanischen General Chefs Anweisung nach einem Planerfullungssoll von Gemeinheiten. Sie brauen einen Höllentrunk, der den Planeten verzischen lassen soll durch tausenderlei höllische Wunsche. Auftragserledigung mit Ultimatum 12 Uhr Mitternacht. Das teuflische Pärchen hat zu wenig Elend angerichtet. So weit, so hollisch Nun gibt es zwei gutmeinende Gegenspieler: Kater und Co, ein lieber, leider etwas damlicher Kater und ein pessimistischer, gescheiter Rabe. Zerrupft, aber einfallsreich. Beide sind Agenten im Hause der Geldhexe und des morbiden Irrwitzer. Sie sind abgesandt vom Hohen Rat der Tiere, um das widerliche Tun der beiden Satansgehilfen auszuspionieren — vielleicht sogar zu hintertreiben. Wahrend Maurizio Kater durch allerköstlichste Verhätschelung zum bestechlichen Schlappsack geworden ist, hat der kluge Rabe einen skeptischen Kopf behalten und kann sogar den Fettkater für die richtige Sache zurückgewinnen.

Die Dramaturgie des schwarzen Endzeitmarchens entwickelt Ende aus dem verzwickten, rasanten Endspiel beider Gegenparteien. Auf 230 Seiten der Wettlauf um den großen Knall: versiert, elegant, humorig beschrieben.