Von Jürgen Dahl

Es müssen nicht die schlimmsten Krankheiten sein, die uns an die Endlichkeit und Eitelkeit unseres Tuns erinnern. Ein simpler Bandscheibenvorfall genügt: Eingezwängt in den Schraubstock der Schmerzen sitzt man regungslos Wochen und Wochen am Fenster, unfähig sogar zum Lesen – und draußen absolviert der Garten, still für sich, das letzte Kapitel des Sommers und das erste des Herbstes. Samenstande reifen heran, über Nacht tauchen Pilzkolonien aus dem Boden auf und die Kapuzinerkresse, aus deren Blüten und Blättern pikante Salate bereitet werden sollten, wächst sich zum Bodendecker aus und läßt überall ihre dicken gefurchten Samen rollen.

Und wir können nur zusehen, wie unser Werk vergeht. Ein Jahr oder bestenfalls zwei, und man vermöchte nur noch zu ahnen, daß hier einmal eine Pflanzenfülle geordnet und bewahrt wurde. Was wird aus unserem Garten, wenn wir nicht mehr da sind? Wird man ihn roden und pflastern? Wird man eine Garage bauen, wo jetzt die Minze wuchert und der Borretsch immer noch himmelblau blüht? Und wird irgend jemand bemerken, daß es hier den schmalblättrigen, verholzenden Strauchwegerich (Plantago sempervirens) gibt, ein Gewächs, das uns vorführt, zu welchen Verwandlungen der Blatt- und Wuchsform eine Gattung fähig ist, je nach den Lebensbedingungen der Weltgegend, in der sie sich behaupten muß? Niemand wird sich darum scheren. Auch der Garten ist sterblich.

Aber eben deshalb (und nicht im Gedenken an kommende Generationen, die ohnehin alles anders machen) geht man, sobald die Bandscheibe es erlaubt, hinaus, befreit den hölzernen Wegerich von der Kapuzinerkressen-Decke und nimmt Hege und Pflege wieder auf: Gäste sind wir gleichermaßen, die Pflanzen und die Gärtner, Dauer ist nicht gewährt,aber gerade die Hinfälligkeit verbindet uns und läßt uns um so sorgsamer und umsichtiger sein.

Noch ist Zeit, eine ganze Schüssel der letzten Dahlienblüten zu ernten. Bald wird der erste Frost die ganze Pracht in einer einzigen Nacht auslöschen, und dann müssen wir uns eilen, die Wurzelknollen aus dem Boden zu nehmen, um sie trocken und frostfrei zu überwintern.

Kaum eine Blüte wirkt so künstlich wie die der Dahlie. Aberhunderte von Züchtungen, darunter solche mit eingerollten, fast stacheligen Blütenblättern, präsentieren eine endlose Vielfalt von Variationen – aber irgendwie sehen sie alle aus, als wären sie aus Buntpapier maschinell erzeugt. Das einzige, was mich verlockt, dennoch die Knollen im Herbst aus der Erde zu holen und im nächsten Mai wieder einzupflanzen, ist die Tatsache, daß die Blütenblätter einen nicht nur bunten, sondern dazu herb-würzigen, säuerlich-aromatischen Salat ergeben. Abgezupft, mit wenig Öl und Salz angemacht, sind sie wirklich eine Delikatesse, und wer sich nicht traut, sollte sie wenigstens als Zugabe zu grünen Salaten verwenden.

Früher hießen die Dahlien auch Georginen (sowohl Georgi als auch Dahl waren Botaniker und Schüler Linnés), und wer will, kann sie auch mit dem Namen Cocoxochitl anreden – so hießen sie bei den Azteken im alten Mexiko, der ursprünglichen Heimat dieser Pflanze. Vor ganz genau 200 Jahren kamen die ersten Samen nach Europa, und zwar nach Madrid. Der Versuch, die Dahlie exklusiv den Gärten des spanischen Hofes vorzubehalten, mißlang (wie viele ähnliche Versuche), und die Dahlie wurde im 18. Jahrhundert zu einer der Modeblumen, deren jeweils neueste Sorten teuer bezahlt werden mußten.