Alles ist aufbewahrt. Zeugnisse, Briefe, Bescheinigungen. In zwei Aktenordnern hat es seine Familie abgeheftet, vom Geburtsschein bis zur Sterbeurkunde: zwei Aktenordner voller Leben, dem Leben des Karl Richard Friedrich Schulz, deutscher Kommunist, verfolgt von den Nazis, dann von den eigenen Genossen, die ihn bis zu seinem Tod nicht rehabilitierten.

Sicher ist es kein Zufall, daß die Familie die Ordner jetzt hervorholt, daß die inzwischen 85jährige Ehefrau hofft, ihrem Mann könnte vielleicht doch noch posthum Gerechtigkeit widerfahren. Schließlich wird in anderen sozialistischen Ländern vieles aufgearbeitet, warum nicht auch in der DDR.

Ich kannte Richard Schulz, wenn auch nur von weitem, erinnere mich, daß eigentlich immer nur leise über ihn gesprochen wurde: In der Nazizeit, wenn meine Freundin Helga, seine älteste Tochter, mir zuflüsterte, ihr Vater sei letzte Nacht abgeholt worden und wir, kaum sechsjährig, überlegten, was das wohl zu bedeuten habe "Kommunistenschulze" nannten ihn die Leute in Babelsberg. Ich weiß noch, wie Helga und ich kurz vor Kriegsende durch die Villenstraßen dieses Potsdamer Vorortes liefen und ein Haus aussuchten, in das die Familie Schulz nach dem Krieg ziehen würde. Eine weiße Villa gefiel uns, wegen des Dachgartens, von dem aus wir im Winter die Passanten mit Schneebällen bewerten wollten. Für Helga war es selbstverständlich, daß sie als Kommunisten aus ihrem Holzhäuschen in so eine Villa ziehen würden, wären die Russen erst mal da. Doch Richard Schulz dachte gar nicht daran. Er war korrekt und streng. Wenn ich Helga besuchte und er war zu Hause, sprachen wir nur leise miteinander. 1945 war er Schuldezernent geworden. Wenn er unsere Klasse besuchte, zogen wir die Köpfe ein. Familie Schulz blieb in dem Holzhäuschen wohnen "Wir bereichern uns nicht", sagte Richard Schulz, verfolgte vielmehr jene Genossen, die es taten, mit heiligem Zorn. Sie wehrten sich, denunzierten ihn bei den Russen. 1948 wurde der Kommunist Richard Schulz wieder abgeholt, diesmal von sowjetischen Soldaten. Wieder wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Krank kehrte er nach sechs Jahren zurück. Jahrelang kämpfte er um seine Rehabilitierung, gab schließlich auf, starb 1979.

Und nun liegen diese beiden Aktenordner vor mir, die sein Leben dokumentieren, von der Geburt 1899 in Hildesheim bis zu seinem Tod 1979 in Babelsberg. Papier für Papier setzt sich das Bild dieses Mannes zusammen. Des Jungen Richard, der in der Obertertia in Deutsch gut, in Geschichte und Erdkunde sehr gut hatte. Sein Vater war Tischler, Richard lernte in Potsdam vier Jahre Feinmechaniker. Er engagierte sich früh, trat in den Deutschen Metallarbeiterverband ein, wurde zu seinem 18. Geburtstag Mitglied der SPD. 1919 wechselte er zur KPD, dem Spartakusbund. Jede Menge Arbeitsbescheinigungen sind im Ordner abgeheftet, Richard Schulz Wanderjahre. Im Ruhrgebiet arbeitete er als Grubenarbeiter, in Düsseldorf, Köln und Liege als Werkzeugmacher. Als Grund für seine Kündigungen heißt es immer wieder: "wegen Differenzen mit der Betriebsleitung" oder "wegen gewerkschaftlicher Lohnstreitigkeiten". Richard Schulz war offenbar kein bequemer Ja Sager, setzte sich für die Rechte von Kollegen ein, war politisch aufmüpfig. 1921 wird er in Duisburg wegen "Aufforderung zum Landfriedensbruch" zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Außerdem war der junge Mann bildungshungrig. In Abendkursen absolvierte er das Technikum, holte das Abitur nach, lernte Esperanto. Eine Bescheinigung in Sütterlinschrift besagt, daß er 1926 Leiter des Esperanto Unterrichtskurses für Erwerbslose war. In einem Heft ist vermerkt, an welchen Kursen er an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin teilgenommen hat: "Aufbau Rußlands", "Faschismus und Bolschewismus", "Aufbau des Sowjetstaates".

Als Mitglied der "Naturfreunde" inszenierte er Sprechchöre und Theaterstücke. 1927 wurde er Vorsitzender der Stadtverordnetenfraktion der KPD. Im Brief einer Potsdamer Justizbehörde von 1931 heißt es: Richard Schulz wird nach Paragraph 2 2 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. März 1931 zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil zwei Zeugen ausgesagt haben, daß er bei einer Schlägerei zwischen Stahlhelm Leuten und denen von der KPD "zum Steinesammeln und zum Gesang der Internationale" aufgerufen habe.

Das Privatleben von Richard Schulz kommt in den Ordnern selten vor: eine Kaulbescheinigung von 1932 für eine Parzelle der Dauerkolonie "Naturfreunde", die Heiratsurkunde von 1934, Geburtsurkunde der Töchter Helga, Erzsebeth, Swaantje. 1933 Verhaftung, KZ Oranienburg. Nach der Entlassung muß er sich regelmäßig bei der Polizei melden. Rechnungen erzählen: 1937 kauft Richard Schulz sich ein Motorrad, 1939 eine Schreibmaschine auf Raten. 1940 wird er wieder verhaftet. Aus der Kriegszeit sind im Ordner kaum Papiere zu finden.