Als Oberbürgermeister von Köln sieht man Konrad Adenauer noch mit dem Spazierstock über den Arm gehängt, wie es bei den bürgerlichen Zelebritäten in den Jahren der Weimarer Republik gang und gäbe war. Am Bundeskanzler, Jahrzehnte später, wäre der Stock befremdlich erschienen, nicht nur, weil Adenauer, dieses Musterexemplar des aufrechten Ganges, noch als Steinalter von Rhöndorf der Stütze entraten konnte, sondern weil der Spazierstock inzwischen seine Eigenschaft als bürgerliches Symbol verloren hatte. Nachgeblieben ist seine Funktion als Krücke und drittes Bein für Gebrechliche aus Alters- oder Gesundheitsgründen.

Zu einem bürgerlichen Ding an sich, einer Art nutzlosem Bekleidungsstück, ist der Spazierstock erst in seiner allerletzten Spätphase geworden, als längst verinnerlicht war, daß sich die Bourgeoisie als führende Klasse ein Herrschaftssymbol ihrer Vorgänger artgerecht anverwandelt hatte. Der Stock galt nun nicht mehr als Drohmittel oder handliches Prügelinstrument, er wurde allenfalls ausnahmsweise als Waffe mißbraucht. Nun war der Spazierstock Symbol dafür, daß man sich den Müßiggang nach vollbrachter Leistung erlauben konnte.

Zu diesem Zwecke ließ sich das oft edle und kostbare Stück sichtbar als Ausdruck der Einkommensverhältnisse vorführen. Es ließ sich aber auch schwingen, wirbeln, emporstrecken, kurz und gut: Die Befindlichkeit oder Laune seines Besitzers ließ sich damit kundtun, welche Funktion beim Hund bekanntermaßen der Schwanz wahrnimmt.

In der (nicht immer erstklassigen) Literatur der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg besinnt sich der Spazierstock gelegentlich allerdings auch auf seine vorbürgerliche Herkunft, pfeift drohend durch die Luft und trifft gar schmerzlich den Rücken des also Gestraften, meistens eines Angehörigen der nachgeordneten Klasse: Selbstjustiz mit Hilfe des friedlichen Spazierstockes.

Wundersam, daß er dem Menschen entbehrlich geworden ist, sieht man von seiner eigentlichen Hilfs- und Stützfunktion ab. Läßt diese Tatsache auch Rückschlüsse auf die Bedeutung unserer gegenwärtigen Philosophie zu, da doch die Denker früher des Spazierstockes kaum entbehren konnten? Der Philosoph Hans Blumenberg hat über den Stock in der Philosophie so lehrreich wie amüsant („Die Sorge geht über den Fluß“) geschrieben: „Blickt man auf Husserls Göttinger Spazierstock zurück – der von zeitgenössischer Eleganz und folglich biegsamer Dünne gewesen sein wird –, so mußte er dem Beobachter eher als Bogen der Intentionalität vorgekommen sein, in der die Phänomenologie die umspannende Leistung des Bewußtseins erkannt hatte, denn als Instrument der Soliditätsprüfung des robusten Torpfostens, der ihm widerstand.“

Wie kommt Klein-Hänschen heute ohne Spazierstock zurecht und durchs Leben? Auch gut, vielleicht nur etwas schwieriger als zu jenen Zeiten, als die Voraussetzungen für sein Wohlergehen in der Zeile eines Kinderliedes unterzubringen waren: Stock und Hut stehn ihm gut, ist gar wohlgemut.

Zeichnung Thyrso A Brisólla