Von Yolanda M. Koller-Tejeiro Vidal

Peru ist als Reiseland für den unbedarften Touristen, der nur Sehenswürdigkeiten – Machu Picchu und pittoreske Hochlandindianer – sehen will (die wehmütigen Klänge der andinen Flöte im Ohr), nicht mehr zu empfehlen. Zu aufgewühlt ist die politische Landschaft, die nicht nur das Reisen unsicher macht. Hinzu kommt die wachsende wirtschaftliche Not, von der Touristen allerdings kaum etwas merken. Denn immer noch können sie genüßlich das peruanische Nationalgetränk für Reiche, den „Pisco Sour“, im noblen „Hotel Bolivar“ an der Plaza San Martin schlürfen und billig Alpakapullover erstehen – auch wenn die Gegend um den Platz längst nicht mehr sicher und die Bewegungsfreiheit in der Innenstadt stark eingeschränkt ist.

Denn zu der politischen Unsicherheit kommt die wachsende Kriminalität hinzu. Im Schatten der terroristisch-öffentlichen Gewalt nutzen einige ihre Chance, aber nur einige wenige tun es wirklich aus Not. Auch wenn das Elend immer schlimmer wird und immer mehr Menschen erfaßt, die meisten hungern und frieren im Dunkeln.

Doch selbst den peruanischen Kindern ist nicht mehr zu trauen. Denn seit einiger Zeit gibt es sie nun auch in Lima, die berüchtigten Straßenkinder, Piranas genannt, die in Banden herumstreunen, klauen und auf der Straße zwischen Katzen, Urin und Unrat schlafen. Nicht selten passiert es, daß ein ahnungsloser Passant, der sich in ihr Revier wagt, von einer Gruppe von sechs oder acht feixenden Kindern eingekreist, fast spielerisch zu Fall gebracht und unter Kratzen, Beißen, Stechen seiner Habseligkeiten beraubt wird.

Die Sicherheitskräfte – eine allgegenwärtige, unübersehbare Massierung von Militär, Polizei und privaten Schutztruppen – erwecken bei der peruanischen Bevölkerung kaum noch Vertrauen. Neben Terrorismus und Kriminalität stellen sie nämlich einen weiteren Gewaltfaktor dar. Wer miterlebt hat, wie die Polizei zuweilen durch die Straßen fährt, auf der offenen Ladefläche der kleinen olivfarbenen Lastwagen ein halbes Dutzend Uniformierte, Maschinenpistolen im Anschlag und Passanten anvisierend, kann das tiefe Mißtrauen gegenüber der Staatsgewalt nachempfinden. Wer bei den häufigen Kontrollen auf der Straße und in den öffentlichen Verkehrsmitteln keinen Identitätsnachweis bei sich trägt, weil der vielleicht gestohlen wurde und die Behörden Wochen brauchen, um einen neuen auszustellen – wenn überhaupt –, der wird unweigerlich mitgenommen und kann für Tage im Polizeigewahrsam verschwinden.

Die Mitarbeiterin eines Frauenzentrums sagte, Tränen in den Augen, daß sie sich jeden Morgen von ihren Teenager-Kindern mit dem schrecklichen Gefühl verabschiede, sie vielleicht am Abend nicht wiederzusehen. Sie habe ihren Kindern eingeschärft, bei Festnahme Namen und Telephonnummer hinauszuschreien, damit Passanten die Eltern benachrichtigen und sie nicht einfach irgendwo verschwinden können.

Das martialische Gehabe der Staatsgewalt entspringt teilweise einer berechtigten Angst vor den „Terroristen“, da Polizisten, Soldaten, Richter, Bürgermeister immer wieder Zielscheibe mörderischer Anschläge sind. Aber die protzige Zurschaustellung von Macht und die Anwendung von offener Gewalt sind im wesentlichen der schamlosen Nichtbeachtung grundlegender Menschenrechte – wie Freiheit und Unversehrtheit der Person – zuzuschreiben. Die historisch gewachsenen Strukturen dieser Gesellschaft sind zutiefst gewalttätig; in politisch-wirtschaftlichen Krisen wie zur Zeit brechen sie voll auf und schaukeln sich in einer erschreckenden Spirale hoch.