Glück und Liebe halten ewig an, solange sie dauern“, lautet ein brasilianisches Sprichwort. Vor zehn Jahren, am 16. September 1979, war der Landarbeiter José Feitosa da Silva der glücklichste Mann in Amazonien. „Frau, wir sind reich!“ brüllte er mit einem hühnereigroßen Goldklumpen in der Hand, den er in der Sierra Pelada gefunden hatte.

José versilberte das Gold, band die Banknoten bündelweise an eine Schnur, zog sie durch die Stadt und verkündete allen: „Ich bin mein Leben lang hinter Geld hergelaufen, nun soll das Geld hinter mir herlaufen!“

Lachend erzählt man sich noch heute die Geschichte in Maraba. José liegt vermutlich längst unter der Erde begraben, in der er sein Glück fand. Der Rattenschwanz von Banknoten wäre heute keinen Pfifferling mehr wert. Mit dem hühnereigroßen Goldklumpen aber könnte man immer noch ein kleines Häuschen kaufen.

Immer neue Banknoten mit immer mehr Nullen druckt die Zentralbank. Welches Konterfei soll die neue Cruzado-Note zieren, die zum Jahrestag der Republik erscheint? „In Kürze werden uns die Toten fehlen“, spottet der Emissionsdirektor Italo Gasparini.

Das neue Geld, ebenso wertlos wie das alte, will ohnehin niemand haben. Selbst für Bagatellbeträge zücken die Brasilianer Scheckheft und Kuli. Bis der Coupon auf der Bank eingelöst wird, vergeht ein Tag. In 24 Stunden bringt Bankgeld aber immerhin ein Prozent Zinsen. Um beim Transfer von großen Beträgen keine Zeit und damit kein Geld zu verlieren, beförderte kürzlich ein Manager das Kapital persönlich von einer Bank zur anderen – in großen Plastikmüllsäcken.

Im Abwehrkampf gegen die Inflation lautet die Devise: Kaufen so schnell wie möglich, zahlen so spät als nötig. Die Wasser- und Elektrizitätswerke brauchen viel Zeit, um Tarife und Gebühren an die Teuerung anzupassen. Doch wenn die Rechnung kommt, dann muß der Kunde sie innerhalb einer Woche begleichen. Am letzten Tag vor ultimo stehen vor den Bankschaltern die Leute Schlange. Glücklich derjenige, dessen Rechnung an einem Sonnabend fällig wird – er darf auch noch am Montag zahlen.

Wer kann, der kauft Wertbeständiges. Für den kleinen Mann mag der Wertgegenstand schon ein Kühlschrank sein oder ein Bügeleisen. Telephone erzielen eine höhere Rendite auf dem schwarzen Markt als Goldbarren – wer kann schon jahrelang auf einen Anschluß warten? Auch Autos sind ein Renner. Nicht selten ist ein Gebrauchtwagen teurer ausgezeichnet als ein fabrikneues Modell, denn die Rostlaube gibt es sofort, den Fabrikwagen erst später – und dann natürlich wieder teurer. Landbesitz und Häuser sind typische Anlagearten für Großverdiener, die es sich auch leisten können, in die Devisenspekulation einzusteigen.

Der Reichtum der Reichen wird durch die Zentralbank gemehrt. Jedes Außenhandelsgeschäft wird mit billigen Dollar subventioniert, aber das Privatvergnügen auch. Wer ins Ausland fliegt, bekommt die Dollar billiger als am Schwarzmarkt. Noch günstiger ist es, sich vom Hausarzt attestieren zu lassen, daß ein angebliches Leiden nur im Ausland kuriert werden kann. Fürsorglich stellt dann die Zentralbank die Dollar für Reise und Behandlung zum halben Marktkurs bereit. Die Reichen waren noch nie so krank wie heute.