Von Marlies Menge

Vermutlich sind die Regierenden schon völlig außer Atem. In wenigen Wochen versuchen sie nachzuholen, was sie jahrzehntelang versäumt haben: nämlich zu tun, was die Bevölkerung von ihnen verlangt. Sie handeln so schnell, daß manchmal sogar das ungeduldige, selbstbewußte Volk der DDR nicht mitkommt. „Wende-Verbot für Hager“ forderte ein Transparent auf der Demonstration in Ost-Berlin am Sonnabend. Und ein anderes: „Einrichtung eines zivilen Wehrersatzdienstes“. Dabei war der langjährige Kulturchef Kurt Hager bereits aus dem hektischen Wende-Manöver der Regierenden ausgeschieden: Tags zuvor hatte es Staatschef Egon Krenz in seiner Fernsehansprache verkündet, auch den zivilen Wehrersatzdienst zugesagt, außerdem weitere Rücktritte-und Reformen angekündigt. Die Führung verabreichte Beruhigungspillen vor der großen Demonstration, der ersten beantragten und genehmigten, der größten in der Geschichte der DDR.

Sie war ein nationales Ereignis. Manche machten sie zu einer Art neuen Zeitrechnung. Sie komme nach Berlin, sagt die Rostockerin am Telephon, wann wir uns sehen könnten – am Abend vor der Demo oder am Nachmittag danach? Ein Dresdner kündigt per Telephon seinen Besuch an – ja, und wann? „Na, natürlich zur Demo.“

Die Dokumentarfilmer Lew Hohmann und Joachim Tschirner fuhren Freitag nacht voriger Woche nach Berlin; sie kamen von Passau, wo sie einen Film über die vielen gedreht hatten, die die DDR verlassen haben. Auf der nächtlichen Rückreise entwarfen sie die Rede, die Tschirner dann auf der Demo hielt. Der Psychologiestudent der Ostberliner Humboldt-Universität, Thomas Heise, ging tagelang immer wieder zu den Veranstaltern im Berliner Ensemble, um einen Platz auf der Rednerliste der Demo zu ergattern.

Hinter der bevorstehenden Demo verblaßten andere Ereignisse, der Moskau-Besuch von Egon Krenz zum Beispiel, bei dem er schon das Reisegesetz ankündigte. Sie hole sich in jedem Fall nächste Woche schon mal einen Reisepaß, sagte die Ostberlinerin, mit der ich an jenem Mittwochabend vergangener Woche die Aktuelle Kamera ansah, jetzt seien die Schlangen vielleicht noch nicht so lang. Paßbilder besitze sie noch vom letzten Antrag auf eine Besuchsreise zu Verwandten, der abgelehnt worden sei. Sie erzählte aus ihrem Betrieb: Sie wollten einen neuen Vertrauensmann für den FDGB wählen. Das hat man ihnen nicht erlaubt. „Da haben wir gesagt: Das wollt Ihr nicht? Gut, dann gründen wir eben unsere eigene Gewerkschaft.“ Außerdem wollten sie ein paar Meister abschaffen, auf vier, fünf Leute einen Meister, das sei viel zuviel. Und der Betriebsdirektor müsse als erster weg.

Am nächsten Tag haben Studenten eingeladen, in eine Altbauwohnung im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg. In einem hellen Zimmer sitzen die jungen Leute auf Stühlen und auf der Erde, .Papiere, Notizen vor sich. Ein junges Mädchen im Rollstuhl bietet eine Birne an: Denise sei die Kontaktstelle für alle, höre ich später, die einzige mit Telephon. Die jungen Leute gehören zur Initiativgruppe Studentenvertretung. Sie betreiben die Gründung einer unabhängigen Studentenvertretung, weil die FDJ bei den Studenten diskreditiert sei. Die Studenten proben Basisdemokratie, sie wollen geheime, direkte Wahl des Studentenrates. Zwei Vertreter aus jeder Sektion, um die Studenten gegenüber Lehrkörper und Ministerium zu vertreten, politisch und weltanschaulich unabhängig. Die Gewählten sind abwählbar, wenn sie nicht die Basis vertreten. Der Studentenrat soll Mitsprache- und Vetorecht bei allen die Studenten betreffenden Entscheidungen haben, Zugang zu den Medien, eine eigene Studentenzeitung; er will selbst Veranstaltungen organisieren, will bei Studienprogrammen mitreden, sich um soziale Probleme kümmern – bis hin zu mehr Möglichkeiten für Radfahrer und Nichtraucherzonen. Alles scheint möglich, machbar.

Olaf, mit Bart, schwarzem Turnhemd und schwarzem Tuch um den Hals, Student der Kulturwissenschaft, erzählt, was bisher so passiert ist: Die erste Versammlung hatte die Kunst- und Kultursektion einberufen. Etwas 1000 waren gekommen. Bei der nächsten waren es schon rund 6000. Die Initiativgruppe hatte auf den Unihof geladen, die FDJ per Handzettel in den Kinosaal der Uni und in andere Säle, als ob es ihre Veranstaltung sei. Die Humboldt-Universität zeigt im Kleinen, wie es im Großen in der DDR zugeht: Die bisherigen Organisationen zeigen sich dialog- und reformbereit, um ihren Einfluß nicht zu verlieren, die bisher von ihnen Beeinflußten sind mißtrauisch oder völlig ablehnend.