Wenn das Versprechen gilt, erhalten DDR-Bürger bald ein neues Reisegesetz und Reisepässe. Doch Westreisen werden Devisen kosten. Verdient werden sollen sie – nicht zuletzt – durch ein Ankurbeln des Tourismus in die DDR.

Was können die DDR-Bürger im Blick auf ihre touristischen Wünsche erwarten, was wird ihnen 1990 bringen?“ wollte der Interviewer der Ostberliner Tageszeitung Neue Zeit, des Zentralorgans der Ost-CDU, von „Unionsfreund“ Klaus Wolf wissen. Die klare Antwort des stellvertretenden DDR-Verkehrsministers: „Auf jeden Fall ein Reisegesetz und damit gleiche Bedingungen bei der Vorbereitung von privaten Besuchsreisen und Reisen, die über die Reisebüros der DDR organisiert werden.“

In anderer Hinsicht noch wurde Wolf deutlich: „Auch im Bereich des Tourismus gibt es eine wichtige Grundregel. Aus befriedigten Bedürfnissen erwachsen ständig neue Ansprüche. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse erfordert immer höhere Mittel, die eben vorher erst erwirtschaftet sein wollen.“ Die Konsequenz für Klaus Wolf: „Wir möchten das Angebot von Reisen für unsere Bürger im In- und Ausland über das Reisebüro der DDR attraktiver gestalten, andererseits ausländischen Gästen einen angenehmen Aufenthalt mit möglichst hohem Komfort bei uns ermöglichen. Dies aber sind zwei Seiten ein und derselben Medaille ...“

„Für alle Länder“, so unterstrich Klaus Wolf in dem Interview, werde es „heute immer stärker zum Grundsatz, den Tourismus vordergründig als eine wirtschaftliche Komponente zu betrachten, die sich selbst trägt und dem Land für seine Wirtschaft noch ein Plus bringt“. Im Klartext: Die Devisen, die Auslandsreisen kosten, sollen auch in der DDR soweit wie möglich durch eine Steigerung des Tourismus ins eigene Land hereingeholt werden.

Für den stellvertretenden Verkehrsminister ist es daher von Interesse, die Zahl ausländischer, vor allem westlicher DDR-Urlauber zu erhöhen und dabei auch „neue Märkte zu erschließen“. Die DDR-Regierung, so Klaus Wolf in dem Interview, arbeite ein „tragendes langfristiges Konzept“ für den Ausbau „touristischer Leistungen in der DDR“ aus. Dazu gehörten „weitere, den heutigen internationalen Ansprachen genügende Einrichtungen in landschaftlich und kulturhistorisch bedeutenden Orten und Gebieten unseres Landes, an denen wir wahrlich keinen Mangel haben“.

Daß Wolf dabei auch über die „Einheit von Inlandstourimus und der Aufnahme ausländischer Touristen“ spricht, nährt die Hoffnung, daß in der DDR bald auch die Zeit des Zwei-Klassen-Tourismus vorbei sein wird, der bislang „normale“ DDR-Einwohner scharf von privilegierten Funktionären und erst recht von „Westlern“ in den Valuta-Hotels trennt.

Bisherige Denkmuster und Rechenexempel sind in der DDR im Tourismusbereich nicht mehr viel wert, wie das Interview unter dem Titel „Ein reisefreudiges Land und seine Probleme“ deutlich macht. „Statistisch können wir uns in der Addition von In- und Auslandstourismus mit den meisten Ländern der Welt durchaus messen“, gibt der stellvertretende DDR-Verkehrsminister darin zu bedenken: „Aber was nützt es uns, wenn ein Teil der Bevölkerung mit dieser Statistik nicht leben will?“

Wolfgang Weber