m 1930 läßt sich der fast erblindete James Joyce in Paris von Samuel Beckett aus einem Werk vorlesen, das seine Radikalität hinter einem ganz und gar altbackenen und übermäßig bescheidenen Titel verbirgt: den "Beiträgen zu einer Kritik der Sprache". Der Autor: Fritz Mauthner. Die Sprachvirtuosen Joyce und Beckett treffen sich mit ihm, der seinerseits einer der größten Stilisten der Philosophiegeschichte ist, paradoxerweise in einer wahrhaft abgründigen Sprachskepsis.

Zehn Jahre vorher fühlt sich Ludwig Wittgenstein in Satz 4 0031 seines "Tractatus logico philosophicus" genötigt, auf Distanz zur Mauthnerschen Sprachkritik zu gehen — so gegenwärtig ist der frühe Exponent des linguistic turn: der sprachkritischen Wendung der modernen Philosophie noch, die hinter Kants "kopernikanischer" Erkenntniskritik an Bedeutung wenig zurücksteht. Und wieder zwanzig Jahre vorher entsteht einer der Schlüsseltexte der modernen deutschsprachigen Literatur, wenn nicht direkt unter Mauthners Einfluß, so jedenfalls aus einem verwandten sprachkritischen Geist: Hofmannsthals Chandos Brief.

Heute hingegen kennt man Mauthner kaum noch. Eine Art geistesgeschichtlicher Alzheimerscher Krankheit, die fatale Folge der grassierenden Aktualitätsneurose ist, hat einen der bedeutendsten Philosophen der Moderne, einen ihrer prägnantesten und zugleich unterhaltsamsten Schriftsteller dazu, trotz einiger Wiederbelebungsversuche gründlichst vergessen lassen. So sehr, daß man schon in die Rezensentenposaunen stoßen muß, wenn ein Verlag mit dem Neusatz seines wichtigsten historischen Werkes "Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland" Kopf und Kragen riskiert.

Als Mauthner (geboren 1849 im böhmischen Hofice, gestorben 1923 in Meersburg) 1876 nach Berlin kam, da wurde er binnen kurzem als Satiriker und Parodist bekannt. Indem er die "berühmten Muster" der Wagner, Dahn, Freytag, Heyse, Auerbach, Scheffel, Spielhagen mit sarkastischer Reverenz feierte, avancierte er in der Tat zu einem der größten Parodisten, die die deutsche Literatur kennt. Der heraufkommende Naturalismus fand in ihm kritisch sympathisierende Begleitung. Und die eigene journalistische Zunft hatte das zweifelhafte Vergnügen, sich in seinen unerbetenen Portraits ("Schmock") wiederzuerkennen. Mauthners prägendes Denkerlebnis lag da freilich schon etliche Jahre zurück: ein existentieller "Sprachschreck", von dem er "etwa in seinem 20. Jahre" überfallen wurde; die Verzweiflung daran, jemals mit Sprache Wirklichkeit erfassen und authentisch vermitteln zu können.

Auf der anderen Seite war eine Befreiung von jeglichem "Wortaberglauben" mit diesem "Sprachschreck" verbunden. Vier Orientierungsfiguren leisteten dabei Emanzipationshilfe: Befreit fühlte sich Mauthner "vom metaphysischen Wortaberglauben durch Ernst Mach, vom wortabergläubischen Historismus durch Nietzsche, von dem Wortaberglauben an die schöne Sprache des Dichters durch Otto Ludwig, vom politischen und juristischen Wortaberglauben durch Bismarck".

In und mit Sprache die Realitätsverfehlung von Sprache zu kritisieren — dieser unvermeidliche Selbstwiderspruch jedes sprachkritischen Versuches war Mauthner zwar von Anfang an bewußt; aber gerade in der "uneigentlichen", bloß metaphorischen Sprache der Dichtung sah er gegen die dann von Wittgenstein aufgerissene Alternative noch die Möglichkeit, "davon" sprechen zu können, "worüber" man sonst schweigen müßte; Mauthner hat sie nach den Parodien für etliche Romane und Erzählungen genutzt.

Das meiste davon kann man heute getrost vergessen. Indessen ist ein historisch philosophischer Roman wie "Xantippe" oder das drastische Porträt der frühen christlichen Eiferer und Asketen in "Hypatia" auch heute noch lesenswert.