User Georg Baselitz schreiben, bedeutet Lrieg führen. Mit diesen Worten — allerdings bezogen auf Arnold Böcklin — begann Carl Georg Heise 1936 seinen Böcklin Essay für "Die Grossen Deutschen". Seit Julius Meier Graefe 1905 seine griffig bösartige Kampfschrift "Der Fall Böcklin" veröffentlicht hatte, fand sich die deutsche Kunstöffentlichkeit in zwei Lager gespalten, die einander unversöhnlich gegenüberstanden.

Mit Georg Baselitz verhält es sich heute kaum anders. Das Pro und Kontra begann vor rund einem Vierteljahrhundert (damals erschien im selitz") und geht bis zum heutigen Tag. Auch der Streit - um die im Kölner Ludwig Museum inszenierte Ausstellung "Bilderstreit" entzündete sich nicht zuletzt am Namen Baselitz.

Dieser Streit begleitet Georg Baselitz seit seinen Anfängen. Er ist ihm nie ausgewichen, aber bewußt provoziert hat er ihn wohl nur in seinen frühen Jahren, mit den 1961 und 1962 (gemeinsam mit Eugen Schönebeck) publizierten beiden "Pandämonischen Manifesten" und mit dem 1963 bei Werner & Katz in Berlin ausgestellten Bild eines onanierenden Knaben "Die große Nacht im Eimer", das dann auch prompt von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wurde. Die weiteren Anlässe, mit denen Baselitz Aufsehen, Ärgernis, Anstoß erregte — wenn nicht gar Skandal hervorrief — waren als Provokation gedacht, weder die "Umkehrung der Motive", das Auf den Kopf stellen seiner Bildwelt 1969, noch die Hinwendung zur bildhauerischen Arbeit mit dem 1980 im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig ausgestellten "Modell für eine Skulptur", der sitzenden Holzfigur mit weggestrecktem Arm. Dahinter steckte 1969 ebensowenig eine Verulkung des Publikums wie ein Jahrzehnt später die Lust an teutonischen Gesten oder wie immer die lustvoll in die Diskussion geworfenen Fehldeutungen lauteten.

Die jeweils jüngsten Werke, mit denen Baselitz scheinbar zwangsläufig immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, waren niemals Ergebnisse einer Spekulation. Sie waren nirgendwo anders als in seiner — allerdings vielschichtigen bildnerischen Konzeption begründet. Sie waren künstlerische Statements, leidenschaftliche Positionsbestimmungen, Erkundungen von unbekanntem Terrain, Erprobung neuer Ausdrucksmöglichkeiten.

Das Werk von Georg Baselitz ist Ausdruck einer in höchstem Maße komplexen Persönlichkeit. Sein Weg war konsequent, aber nie voraussehbar. Er ist ihn konstant und mit einer manchmal wütenden Ausdauer gegangen, aber es gibt dabei Sprünge wie auch ein unvermutetes Innehalten, es gibt Umwege und Sackgassen, Einschnitte und Brüche. Seine Entwicklung wird von Spannungen gekennzeichnet und führte ihn immer wieder in Zerreißproben. Um Harmonie bemüht gerät er doch immer wieder in den Bann von Extremen.

Die Kunst des Georg Baselitz bewegt sich zwischen zwei Polen: zwischen dem Pandämonium und der reinen Malerei, zwischen der Fixierung auf ein Motiv und der Befreiung von diesem Motiv, zwischen der Beschwörung eines Gegenstandes und der Auflösung dieses Gegenstandes im Bildraum, zwischen Magie und Form, Erfindung und Analyse. Günther Gercken spricht von "Rebellion und ihrer Aufhebung", Klaus Gallwitz sieht bei Baselitz auf der einen Seite "eine ans Manische grenzende Introversion", auf der anderen "die das Deklamatorische streifende Extroversion". Baselitz kann weder auf die eine noch auf die andere verzichten. Beide sind in ihm angelegt, und so finden wir ihn stets — manchmal wie ein Besessener, manchmal wie ein überlegender Stratege, als folge er dem dialektischen Prinzip — zum Widerspruch seiner selbst bereit.

Hat er sich in seiner Arbeit ganz der einen Position genähert, beginnt er die entgegengesetzte zu entbehren. Doch welche Position Baselitz auch einnimmt: Er vertritt sie mit einem Einsatz, als gäbe es nur sie, als könnte er sie niemals mehr aufgeben, als müßte er gerade aus ihr ein Äußerstes herausholen, als gelte es, alle anderen ein für alle Mal zu widerlegen.